Dieses Video wurde am 06.05.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Russland hat eine temporäre Waffenruhe im Ukraine-Krieg angekündigt – doch die Motive dahinter sind nach Einschätzung von Expertin Sarah Pagung wenig diplomatischer Natur. Die Russlandexpertin sieht darin vor allem einen durchschaubaren Versuch Moskaus, die eigene Siegesparade am 9. Mai vor ukrainischen Drohnenangriffen zu schützen. Die Ukraine hat zuletzt ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt, weit ins russische Hinterland hineinzuschlagen – bis in die Ostseeregion und den Ural.
Waffenruhe als Schutzschirm für die Parade
Die angekündigte Waffenruhe diene in erster Linie dazu, einen symbolisch verheerenden Treffer auf die Moskauer Siegesparade zu verhindern. Würde die Parade angegriffen, wäre das ein starker symbolischer Sieg der Ukraine – ein Szenario, das der Kreml unter allen Umständen vermeiden will.
Die Ukraine hat die Initiative geschickt genutzt: Kiew signalisierte Gesprächsbereitschaft, bestand jedoch darauf, dass Russland die Waffenruhe zuerst einhalten müsse. Damit dreht die Ukraine den diplomatischen Spieß um und zwingt Moskau, den ersten Schritt zu tun.
Ukrainische Drohnenstärke offenbart russische Abwehrschwäche
Die jüngsten Angriffe auf das russische Hinterland zeigen, dass die Ukraine ihre Langstreckendrohnen-Kapazitäten erheblich ausgebaut hat. Gleichzeitig wird deutlich, dass Russlands Flugabwehr an ihre Grenzen stößt.
- Ukrainische Drohnen erreichten Ziele bis in den Ural und die Ostseeregion.
- Auch Moskau gilt mittlerweile als erreichbares Ziel.
- Russlands schiere Größe macht eine flächendeckende Luftabwehr nahezu unmöglich.
- Die Ukraine hat beim Drohnenbau in kurzer Zeit enormen technologischen Fortschritt gemacht.
Diese Entwicklung ist laut Pagung nicht nur militärisch relevant, sondern auch politisch: Sie zeigt, dass Russland trotz massiver Ressourcen strukturelle Schwächen in der Heimatverteidigung aufweist.
Putins Regime: Stabil trotz wachsendem Unmut
Die Frage nach der Stabilität des Putin-Regimes beantwortet Pagung differenziert. Von einem bevorstehenden Putsch oder einem Machtvakuum sei man noch weit entfernt. Entscheidend sei die sogenannte Elitenkohärenz: Staatliche wie wirtschaftliche Eliten sind eng mit dem Regime verknüpft und von ihm abhängig – ihre Gewinne und Karrierechancen hängen direkt von Putins Machterhalt ab.
Zwar nehme die Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung leicht zu, und wirtschaftliche Sorgen seien in Umfragen spürbar. Doch diese Veränderungen seien bislang zu gering, um die Regimestabilität ernsthaft zu gefährden. Hinzu kommt ein massiver Repressionsdruck: Zivilgesellschaftliche Organisation und öffentliche Kritik werden heute weit härter verfolgt als noch vor zehn Jahren.
Kriegswirtschaft zementiert den Status quo
Ein weiterer stabilisierender Faktor ist Russlands vollständige Umstellung auf eine Kriegswirtschaft. Eine Rückkehr zur Friedenswirtschaft ist strukturell kaum noch möglich – zu sehr sind Industrie, Staatsapparat und gesellschaftliche Dynamiken auf den Kriegszustand ausgerichtet.
Karrieren im russischen Staatsapparat werden heute weniger über Kompetenz als über Loyalität gemacht. Dieses System kittet das Regime nach Einschätzung von Pagung auch mittelfristig zusammen. Eine „Putindämmerung“ sei daher im Moment eher Wunschdenken als realistische Prognose. Ob sich das in einem Jahr oder länger verändert, bleibt offen – doch die strukturellen Voraussetzungen für einen Wandel fehlen derzeit noch.
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