Ultraorthodoxe und Militärpflicht: Israels Spaltung

Dieses Video wurde am 16.08.2026 von DW News auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.

Die Militärpflicht in Israel ist zum Brennpunkt eines tiefen gesellschaftlichen Konflikts geworden. Während fast alle wehrfähigen jungen Israelis bis zu drei Jahre in den Streitkräften dienen müssen, sind ultraorthodoxe Juden seit Jahrzehnten von dieser Pflicht befreit. Mit den anstehenden Wahlen im Oktober 2026 und dem anhaltenden Krieg auf mehreren Fronten gewinnt der Streit um diese Ausnahme eine neue, explosive Brisanz – und könnte darüber entscheiden, wer Israel künftig regiert.

Eine historische Ausnahme unter Druck

Der Ursprung der Ausnahmeregelung reicht bis ins Jahr 1947 zurück. Der zionistische Anführer David Ben-Gurion vereinbarte damals mit der ultraorthodoxen Gemeinschaft, eine kleine Gruppe junger Männer vom Militärdienst freizustellen, damit diese die Torah studieren konnten. Ziel war es, die jüdische Einheit vor der Staatsgründung Israels zu wahren.

Seitdem haben sich die Verhältnisse grundlegend verändert. Die ultraorthodoxe Gemeinschaft verzeichnet die höchste Geburtenrate in der entwickelten Welt. Schätzungen zufolge wird sie bis 2060 ein Drittel der israelischen Bevölkerung ausmachen. Was einst eine Ausnahme für wenige war, betrifft heute Hunderttausende.

Im Juli 2026 verabschiedete die Regierung ein Gesetz, das das Studium jüdischer Schriften als grundlegenden Staatswert festschreibt – ein Schritt, der die Position der Ultraorthodoxen in der Wehrpflichtdebatte rechtlich stärkt.

Gesellschaftlicher Riss: Ungleichheit als Kernvorwurf

Für viele säkulare und nationalreligiöse Israelis ist die Ausnahmeregelung schlicht ungerecht. Organisationen wie die der Soldatenmütter machen öffentlich Druck: Warum müssen manche Mütter ihre Söhne in den Krieg schicken, während andere davon verschont bleiben?

Der Streit offenbart einen fundamentalen Gegensatz zweier Weltbilder:

  • Ultraorthodoxe Gemeinschaftsführer sehen das Torah-Studium als gleichwertige, ja überlebenswichtige Beitrag zur jüdischen Identität und Staatssicherheit.
  • Säkulare Israelis empfinden die Befreiung als Verletzung des Gleichheitsprinzips und als Belastung für die Streitkräfte.
  • Kritiker werfen ultraorthodoxen Führern vor, auch jene von der Armee fernhalten zu wollen, die kaum Zeit mit Schriftstudium verbringen.
  • Frauenverbände warnen, eine Massenrekrutierung ultraorthodoxer Männer könnte den Dienst von Frauen in der Armee erschweren.

Rabbi Yonathan Steinberger, Mitglied der streng orthodoxen Sloan-Chassidim-Gemeinde, bringt die Haltung seiner Gemeinschaft auf den Punkt: Erst wenn auch säkulare Juden die Torah-Gesetze befolgen, werde man zum Militär gehen. Ein Kompromiss scheint damit in weiter Ferne.

Koalitionspolitik und der „heiße Kartoffel“-Faktor

Ministerpräsident Benjamin Netanyahu steckt in einem politischen Dilemma. Seine rechtsextreme Koalition war auf die Unterstützung ultraorthodoxer Parteien angewiesen. Nachdem Netanyahu scheiterte, die Ausnahmeregelungen gesetzlich zu verankern, entzogen diese Parteien der Regierung zeitweise ihre Unterstützung.

Professor Gideon Rahat von der Hebräischen Universität Jerusalem beschreibt das Problem als klassische „heiße Kartoffel“: Politiker schieben die Verantwortung weiter, das Oberste Gericht versucht sie zurückzugeben – eine echte Lösung bleibt aus. Für Netanyahus Block ist es strategisch günstiger, das Thema zu meiden. Die Opposition hingegen hat die Wehrpflichtfrage gezielt in den Mittelpunkt ihres Wahlkampfs gerückt, da sie gerade bei Wechselwählern zwischen den politischen Lagern stark verfängt.

Wahlen im Oktober: Wird die Militärpflicht zum Zünder?

Die Oppositionsparteien haben klar angekündigt, im Falle eines Wahlsiegs ein allgemeines Wehrpflichtgesetz durchzusetzen, das auch ultraorthodoxe Männer einschließt. Professor Rahat zufolge könnte genau dieses Thema die Wahl entscheiden: Die besonders umkämpften Wechselwähler lehnen die Ausnahmeregelung mehrheitlich ab.

Dahinter steckt mehr als nur die Frage, wer Uniform trägt. Es geht um das Selbstverständnis des israelischen Staates: um Gleichheit vor dem Gesetz, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Kriegszeiten und um die Frage, wie viel Pluralismus eine Demokratie aushält, bevor ihr Gleichgewicht kippt. Der Konflikt, so Rahat, sei ein Symptom einer durch Populismus tief gespaltenen Gesellschaft – einer Gesellschaft, in der die eine Hälfte zunehmend gegen die andere ausgespielt wird.

Ob Wahlen, Gerichte oder demografischer Wandel letztlich eine Lösung erzwingen werden: Der Streit um die Militärpflicht in Israel dürfte das Land auf Jahre hinaus prägen und grundlegende Fragen über Sicherheit, Identität und Demokratie aufwerfen.

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