Dieses Video wurde am 05.05.2026 von tagesschau auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
An der Spitzhaustreppe in den Weinbergen von Radebeul bei Dresden findet ein außergewöhnlicher Wettkampf statt: Beim Treppenmarathon haben die Teilnehmer 24 Stunden Zeit, um 39.700 Stufen zu erklimmen – das entspricht den Höhenmetern des Mount Everest. Dafür müssen sie die Treppe genau 100 Mal auf und ab laufen, bei praller Sonne, tropischen Temperaturen und gegen die schleichende Erschöpfung. Ein Rennen an die absolute Grenze der menschlichen Belastbarkeit.
Der Treppenmarathon: Konzept und Herausforderung
Die Idee klingt simpel: eine Treppe, immer wieder rauf und runter. Doch das Konzept hat es in sich. 84 Kilometer legen die Sportler zurück, wenn sie alle 100 Runden absolvieren. Die Strecke führt am höchsten Punkt der Spitzhaustreppe entlang, wo Helfer mit Wasser, Isogetränken und kleinen Snacks bereitstehen. Bei Temperaturen um die 28 Grad Celsius und direkter Sonneneinstrahlung ist die Versorgung entscheidend.
Die Logistik ist dabei komplex: Dutzende Läufer sind gleichzeitig auf der Strecke, kommen verschwitzt und erschöpft oben an, benötigen in Sekundenschnelle das Richtige – mal Wasser, mal Zucker, mal ein paar Eiswürfel zum Abkühlen. Die freiwilligen Helfer müssen jeden Teilnehmer im Blick behalten und blitzschnell reagieren.
Rekordhalter Lis Böhme: Ehrgeiz und Grenzen
Lis Böhme, 24 Jahre alt und amtierender Streckenrekordhalter, ist der bekannteste Teilnehmer des diesjährigen Rennens. In den beiden vergangenen Jahren konnte ihn niemand bezwingen. Seine bisherige Bestzeit lag bei knapp unter 14 Stunden für die 100 Runden – doch das reichte ihm nicht. Sein Ziel für dieses Jahr:
- Die 100 Runden in unter 13,5 Stunden absolvieren
- Anschließend noch weitere Runden dranhängen und 24 Stunden durchhalten
- Damit so viele Stufen und Kilometer wie möglich sammeln
Lis wirkt vor dem Start entspannt und routiniert. Bereits nach 8 Minuten ist er die erste Runde gelaufen – ein Tempo, das die meisten anderen Teilnehmer kaum mithalten können. Doch ab Runde 50 melden sich erste Krämpfe in den Muskeln. Sie begleiten ihn bis ins Ziel.
Am Ende gelingt Lis das Kunststück: Er erreicht die 100 Runden und stellt mit 84 Treppenkilometern in gut 13 Stunden einen neuen Streckenrekord auf. Den Plan, danach noch 24 Stunden durchzulaufen, gibt er nach drei weiteren Runden auf – die Muskeln machen schlicht nicht mehr mit. Dennoch: eine beeindruckende Leistung.
Premierenläufer Jan: Scheitern gehört dazu
Ganz anders verläuft das Rennen für Jan, der den Treppenmarathon zum ersten Mal bestreitet. Monatelang hat er sich gemeinsam mit seinem Trainingspartner Ulf auf diesen Tag vorbereitet. Sein erklärtes Ziel: einfach durchkommen und erleben, wie sich ein solcher Wettkampf anfühlt.
Die ersten Stunden verlaufen gut. Jan wirkt konzentriert, nimmt Energie in Form von Reis zu sich und hält das Tempo aufrecht. Doch mit Einbruch der Nacht kommt das große Tief. Die Dunkelheit, die Erschöpfung und der fehlende Schlaf zermürben ihn mental und körperlich. Nach 42 Runden und gegen 1 Uhr nachts muss Jan aufgeben – die Kraft ist schlicht ausgegangen.
Sein Kumpel Ulf beschreibt es nüchtern: Der nächtliche Tiefpunkt sei schwer zu überwinden. Genau das macht den Treppenmarathon so besonders – es geht nicht nur um körperliche Ausdauer, sondern auch um mentale Stärke.
Einordnung: Extremsport mit menschlichem Gesicht
Der Treppenmarathon von Radebeul macht deutlich, dass selbst gut vorbereitete Extremsportler an ihre Grenzen stoßen. Ob Rekordhalter oder Premierenläufer – die Kombination aus Hitze, Höhenmetern, Schlafentzug und schlichter Wiederholung fordert jeden Körper und jeden Geist heraus.
Gleichzeitig zeigt das Event eine bemerkenswerte Gemeinschaft: Helfer, Trainer und Mitläufer unterstützen sich gegenseitig. Der Wettkampf ist weniger ein Rennen gegeneinander als ein Ringen mit sich selbst. Ob der Treppenmarathon in Radebeul weiter wächst und neue Rekorde bringt, bleibt abzuwarten – Lis Böhme hat jedenfalls bereits gezeigt, dass die Messlatte jedes Jahr höher gelegt werden kann.
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