Dieses Video wurde am 05.05.2026 von tagesschau auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die USA werden in Deutschland vorerst keine Tomahawk-Marschflugkörper stationieren. Das stellt die Bundesrepublik vor ernsthafte Fragen zur eigenen Verteidigungsfähigkeit – und hinterlässt eine strategische Lücke, die Verteidigungsminister Boris Pistorius offen einräumt. Die ursprünglichen Pläne gehen noch auf die Ära von Ex-Präsident Joe Biden zurück und zielten darauf ab, ein militärisches Gegengewicht zur wachsenden russischen Bedrohung in Mitteleuropa zu schaffen.
Russische Iskander-Raketen als unmittelbare Bedrohung
Der Hintergrund der geplanten Stationierung ist die zunehmende Aufrüstung Russlands an der NATO-Ostflanke. Aufnahmen aus dem Herbst zeigen russische Soldaten, die in Kaliningrad Batterien für die Mittelstreckenrakete Iskander gefechtsklar machen. Die Iskander kann sowohl konventionelle als auch atomare Gefechtsköpfe tragen.
Die russische Exklave Kaliningrad liegt zwischen Litauen und Polen und ist der westlichste Vorposten der Russischen Föderation. Ihre strategische Lage macht sie besonders brisant:
- Die Iskander hat eine Reichweite von über 500 Kilometern und bedroht damit Polen sowie Teile Ostdeutschlands.
- Russland entwickelt zudem den Marschflugkörper Novator (9M729) mit einer Reichweite von rund 2.500 Kilometern.
- Kaliningrad gilt als bewusst vorgeschobener Militärposten mit klarem strategischen Kalkül.
Experten betonen: Russland stellt keine Raketensysteme so nah an die NATO-Grenze, ohne einen konkreten militärischen Zweck zu verfolgen.
Der ursprüngliche Plan: Tomahawk als Gegengewicht
Als Antwort auf die russische Aufrüstung hatten die USA unter Biden geplant, ab 2026 Marschflugkörper vom Typ Tomahawk in Deutschland zu stationieren. Das Konzept sah eine spiegelbildliche Abschreckungsarchitektur vor: SM-6-Raketen vom Standort Wiesbaden aus sollten in einem Radius von 500 Kilometern russische Flugkörper abfangen. Die Tomahawk-Systeme mit einer Reichweite von bis zu 2.500 Kilometern hätten Russland seinerseits in Reichweite gebracht – ein klassisches Gleichgewicht des Schreckens.
Doch diese Pläne sind vorerst vom Tisch. Die aktuelle US-Regierung hat entschieden, die Stationierung nicht voranzutreiben. Damit entfällt ein zentrales Element der europäischen Abschreckungsstrategie.
Deutschlands Verteidigungslücke – und fehlende Alternativen
Die Konsequenzen für Deutschland sind erheblich. Die Flugabwehrkapazitäten der Bundeswehr gelten als begrenzt. Es fehlt sowohl die Fähigkeit, russische Marschflugkörper in nennenswerter Zahl abzufangen, als auch die Mittel, Russland selbst mit vergleichbaren Systemen abzuschrecken. Verteidigungsminister Pistorius spricht deshalb von einer klaren Lücke bei der Verteidigungsfähigkeit.
Als langfristige Alternative hat Deutschland gemeinsam mit anderen europäischen Staaten einen Vertrag zur gemeinsamen Entwicklung von Mittel- und Langstreckenraketen unterzeichnet. Konkrete Ergebnisse lassen jedoch auf sich warten – bislang existieren kaum mehr als Konzeptpapiere.
Ausblick: Europa muss Verantwortung übernehmen
Der Fall der ausgebliebenen Tomahawk-Stationierung zeigt exemplarisch, wie abhängig die europäische Sicherheitsarchitektur von Entscheidungen in Washington ist. Solange Europa keine eigenständigen Abschreckungskapazitäten aufgebaut hat, bleibt das strategische Gleichgewicht gegenüber Russland fragil. Die Entwicklung gemeinsamer europäischer Raketensysteme ist zwar auf den Weg gebracht, doch der Weg von der Idee zur einsatzbereiten Waffe ist lang. Für Deutschland bedeutet das: Die sicherheitspolitische Debatte über nukleare Teilhabe, eigene Weitreichenwaffen und den Aufbau einer glaubwürdigen Abschreckung hat gerade erst begonnen.
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