Dieses Video wurde am 24.09.2026 von tagesschau auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Deutschlands Energiewende stockt – nicht wegen fehlender Wind- oder Solarenergie, sondern wegen eines strukturellen Stromnetz-Engpasses. Unternehmen, die von fossilen Brennstoffen auf Strom umsteigen wollen, warten seit Jahren auf Netzanschlüsse. Gleichzeitig kämpfen Windparkbetreiber darum, ihren erzeugten Strom überhaupt ins Netz einzuspeisen. Das Stromnetz ist zum zentralen Flaschenhals der deutschen Energiewende geworden – mit weitreichenden Folgen für Klimaziele und Industriestandort.
Gießerei in Ostfriesland wartet seit Jahren auf Stromanschluss
Das Lederwerk in Leer, eine Gießerei in Ostfriesland, steht stellvertretend für ein deutschlandweites Problem. Das Unternehmen möchte seinen kohlebasierten Kupolofen durch einen elektrischen Induktionsofen ersetzen – ein Schritt, der den CO₂-Ausstoß erheblich senken würde. Doch der dafür notwendige Netzanschluss ließ zwei Jahre auf sich warten.
Der Induktionsofen benötigt eine Anschlussleistung, die rechnerisch rund 120 Einfamilienhäusern entspricht. Der zuständige Netzbetreiber EWE Netz steht dabei nicht allein vor dieser Herausforderung: Nach eigenen Angaben liegt die angefragte Anschlussleistung derzeit 15- bis 20-mal höher als das Netz an Kapazität bereitstellen kann. Erst ab 2027 soll der Netzanschluss für die Gießerei zur Verfügung stehen.
Dutzende Gießereien und Aluminiumhütten in Deutschland befinden sich in derselben Lage. Das Problem liegt nicht am fehlenden Kapital oder Willen zur Transformation – sondern schlicht am mangelnden Strom.
Großbatteriespeicher verstärken den Ansturm auf das Netz
Ein wesentlicher Treiber des aktuellen Engpasses sind Großbatteriespeicher. In den vergangenen Jahren sind deren Kosten stark gesunken, sodass es für Investoren attraktiv geworden ist, günstig erzeugten Mittagsstrom – etwa aus Solaranlagen – zu speichern und ihn abends teuer wieder ins Netz einzuspeisen.
Dieser Geschäftsansatz hat zu einem regelrechten Ansturm auf Netzanschlussanträge geführt. Die Batteriespeicher stehen dabei häufig noch gar nicht – es existieren bislang nur die Genehmigungsanträge. Dennoch blockieren diese Voranmeldungen erhebliche Netzkapazitäten, die anderen Akteuren fehlen.
Das Stromnetz steht dabei vor völlig veränderten Anforderungen gegenüber früher:
- Früher lieferten wenige große Kraftwerke Strom bedarfsgerecht ins Netz.
- Heute speisen Millionen dezentraler Wind- und Solaranlagen wetterabhängig ein.
- Produktion und Abnahme müssen stets im Gleichgewicht gehalten werden.
- Überschussstrom führt zum Abschalten von Anlagen, wenn keine Abnehmer vorhanden sind.
- Das Netz muss diese Schwankungen in Echtzeit ausbalancieren.
850 Verteilnetzbetreiber und das Windhundverfahren als Systemproblem
Deutschland verfügt über vier Übertragungsnetzbetreiber für die Hochspannungs-„Stromautobahnen“ und rund 850 Verteilnetzbetreiber für die regionale Versorgung. Diese Zersplitterung führt zu einem Flickenteppich unterschiedlicher technischer Standards, Softwaresysteme und Genehmigungsprozesse.
Für Unternehmen wie den Logistikdienstleister Dachser, der an 50 Standorten Ladesäulen für Elektro-LKW installieren möchte, bedeutet das: An jedem Standort gelten andere Prozesse, was erheblichen Mehraufwand verursacht. An fünf Standorten wurde dem Unternehmen sogar mitgeteilt, dass ein Netzausbau in den nächsten Jahren nicht zu erwarten sei.
Hinzu kommt das sogenannte Windhundverfahren: Wer zuerst einen Netzanschluss beantragt, kommt zuerst dran – unabhängig davon, ob es sich um ein Krankenhaus, eine Gießerei oder einen Batteriespeicher handelt. Die Bundesregierung hat dieses Prinzip inzwischen als unzureichend erkannt. Wirtschaftsministerin Reiche treibt das sogenannte Netzanschlusspaket voran, das das Verfahren auf „First Ready, First Served“ umstellen soll: Vorrang erhalten künftig Projekte, die am weitesten in der Planung fortgeschritten sind.
Netzausbau und Digitalisierung als Schlüssel zur Lösung
Netzbetreiber setzen kurzfristig auf flexible Netzanschlussvereinbarungen: Unternehmen erhalten zwar einen Anschluss, müssen aber zeitweise Leistungseinschränkungen hinnehmen – vergleichbar mit einer vorübergehenden Spurverengung auf der Autobahn. So lassen sich mehr Akteure anschließen, ohne das Netz sofort zu überlasten.
Langfristig führt jedoch kein Weg an einer umfassenden Digitalisierung des Stromnetzes vorbei. Intelligente Messsysteme, sogenannte Smart Meter, und digital ausgerüstete Transformatoren sollen Netzbetreibern genaue Echtzeitdaten liefern. Erst mit diesen Daten kann das Netz optimal ausgelastet und können Netzanschlüsse gezielter vergeben werden. Viele Netzbetreiber sind auf diesem Weg noch längst nicht am Ziel.
Der Ausbau des Stromnetzes wird nach Expertenmeinung noch viele Jahre dauern und erhebliche Investitionen erfordern. Dabei steht fest: Die Nachfrage nach Netzkapazität wird mit fortschreitender Elektrifizierung von Industrie und Mobilität weiter wachsen. Das Stromnetz ist damit nicht nur die Achillesferse der Energiewende – es ist auch eine zentrale Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland.
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