Dieses Video wurde am 30.08.2026 von DW News auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Seit fast zwei Jahrzehnten reisen nepalesische Sherpas jedes Jahr nach Norwegen, um mit bloßen Händen steinerne Treppenwege in steiles Berggelände zu bauen. Die sogenannten Sherpatrappa – Sherpa-Treppen – haben sich zu Wahrzeichen auf Norwegens beliebtesten Wanderrouten entwickelt. Sie machen unwegsames Gelände sicherer und für Menschen aller Altersgruppen und Fitnessstufen zugänglich. Mittlerweile haben die Teams mehr als 200 Treppen fertiggestellt, die zwischen 10 und über 4.000 Stufen umfassen.
Ein Traum als Ursprung: Wie alles begann
Die Geschichte beginnt vor mehr als 20 Jahren mit dem norwegischen Zimmermann Geir Vetti. Er arbeitete an der Restaurierung eines Bergbauernhofs, doch das Gelände war zu steil für Maschinen und die körperliche Arbeit zu hart für die meisten Arbeiter. Vetti erinnert sich: Die Helfer brachen nach ein oder zwei Tagen erschöpft zusammen und konnten nicht weiterarbeiten.
Die Lösung kam ihm im Traum – er brauche Sherpas aus Nepal. Vetti recherchierte, schrieb einen Brief an einen Sherpa, der an Everest-Expeditionen teilgenommen hatte, und tatsächlich reiste dieser im darauffolgenden Frühling an. Vetties Überzeugung war von Anfang an klar:
- Sherpas gelten als außergewöhnlich ausdauernd und körperlich belastbar.
- Sie verfügen über generationenaltes Wissen im Umgang mit Stein in steilem Gelände.
- Ihre Arbeitsmoral zählt nach Vetties Worten zu den höchsten der Welt.
Heute ist Nima Sherpa, Sohn jenes ersten Sherpas, fester Bestandteil des Projekts. Er kam als Teenager das erste Mal mit seinem Vater und ist seitdem fast jedes Jahr zurückgekehrt.
Schwerstarbeit am Langfoss-Wasserfall
Aktuell arbeitet Nimas Team am Rande des Åkrafjords in Westnorwegen, direkt neben dem ikonischen Langfoss-Wasserfall. Jede Treppensektion folgt der natürlichen Form des Berges. Die verwendeten Steine können dabei über 1.000 Kilogramm wiegen und müssen millimetergenau in Position gebracht werden – langsam, manuell, ohne Maschinen.
Um die tonnenschweren Steine an schwer zugängliche Stellen zu befördern, kommt ein Hubschrauber zum Einsatz. Das Team koordiniert per Funk präzise, welcher Stein als nächstes benötigt wird und wo er abgelegt werden soll. Trotz aller Strapazen ist die Entlohnung ein starker Anreiz: Die Sherpas verdienen in Norwegen bis zu 20-mal mehr pro Monat als in Nepal – ein Betrag, der nicht nur einzelnen Familien, sondern ganzen Gemeinschaften zugute kommt.
Sherpa-Treppen als Sicherheits- und Tourismusfaktor
Die Bedeutung der Sherpatrappa geht weit über Ästhetik hinaus. Traditionelle Bergpfade in steilem Gelände können rutschig und gefährlich sein – besonders für unerfahrene Wanderer und bei schlechtem Wetter. Die steinernen Stufen bieten eine stabile, ebene Oberfläche, die unabhängig von den Witterungsbedingungen sicher begehbar ist.
Am Langfoss führt der neue Weg zu einer Aussichtsplattform, von der aus Besucher den tosenden Wasserfall aus nächster Nähe erleben und sicher fotografieren können. Bäuerin Nina Koltveit, deren Familie seit 12 Generationen unterhalb des Wasserfalls lebt, sieht in den neuen Stufen eine Chance für ihren auf Tourismus ausgerichteten Betrieb. Die Treppen öffneten das Erlebnis für alle – nicht nur für besonders fitte Wanderer.
Spirituelle Dimension: Karma und Gebet im Stein
Für Nima und sein Team ist die Arbeit mehr als ein Beruf – sie ist ein spiritueller Akt. Als Buddhisten hängen die Sherpas über jedem fertiggestellten Pfad Gebetsfahnen auf. Sie glauben, dass der Wind die darin enthaltenen Segnungen über die Berge trägt.
Nima bringt es auf den Punkt: Im Buddhismus gilt der Bau eines Weges als gutes Karma, weil viele Menschen diesen Weg künftig leichter gehen können. Diese Haltung verbindet handwerkliche Meisterschaft mit einer tiefen ethischen Überzeugung – und macht das Projekt zu einem einzigartigen Beispiel für kulturellen Austausch zwischen Nepal und Norwegen.
Lange nachdem die Sherpas wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind, werden die Stufen bleiben – eingebettet in die norwegischen Berge und fest verankert im kollektiven Gedächtnis derer, die sie begehen. Das Projekt zeigt eindrücklich, wie traditionelles Himalaya-Wissen weit über seine Ursprungsregion hinaus Wirkung entfalten kann.
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