Dieses Video wurde am 19.08.2026 von DW News auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Nach jahrzehntelangem Bevölkerungsschwund erlebt Sachsen-Anhalt eine bemerkenswerte Trendwende: Erstmals ziehen wieder mehr Menschen in das ostdeutsche Bundesland, als es verlassen. Städte wie Zeitz stehen dabei sinnbildlich für eine Region, die nach dem Ende der DDR nahezu ausgeblutet war – und die nun versucht, aus Leerstand und Strukturschwäche eine neue Stärke zu ziehen. Doch ausgerechnet jetzt überschattet der drohende Machtgewinn der Alternative für Deutschland (AfD), die vom Landesverfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft wird, diesen zarten Aufbruch.
Massenflucht nach der Wende: Wie Zeitz ein Drittel seiner Bevölkerung verlor
Der Fall der Berliner Mauer 1989 brachte für viele ostdeutsche Städte zunächst keine Befreiung, sondern einen dramatischen Aderlass. In Zeitz sank die Einwohnerzahl von einst 50.000 auf rund 27.000 – fast die Hälfte der Menschen verließ die Stadt innerhalb weniger Jahre. Besonders junge und gut ausgebildete Menschen wanderten in wirtschaftlich stärkere Regionen wie Bayern oder Baden-Württemberg ab.
Mit den Menschen verschwanden auch die Arbeitsplätze. Die Zekiwa-Kinderwagenfabrik, einst Stolz der Stadt, verlagerte ihre Produktion ins Ausland. Eine große Hydro-Verarbeitungsanlage, der wichtigste Arbeitgeber der Region, schloss ebenfalls. Sachsen-Anhalt als Ganzes verlor nach 1990 fast ein Viertel seiner Bevölkerung – eine der schwersten demografischen Krisen in der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Sachsen-Anhalt zieht wieder an: Die Gründe für die Trendwende
Seit einigen Jahren dreht sich die demografische Spirale. Laut dem Sozialforscher Walter Barthel sind dafür mehrere Faktoren verantwortlich:
- Der Zuzug von Geflüchteten, insbesondere aus der Ukraine
- Studierende, die die Universitäten des Landes besuchen
- Fachkräfte, die den Arbeitskräftemangel als Chance nutzen
- Rückkehrer wie die gebürtige Zeitzerin Anja Reismann, die nach Jahren im Ausland heimkehren
- Menschen aus Großstädten, die auf der Suche nach Gemeinschaft und günstigen Mieten sind
Besonders die niedrigen Lebenshaltungskosten und der reichlich vorhandene Leerstand erweisen sich als unerwarteter Vorteil. Ateliers und Veranstaltungsräume lassen sich zu einem Bruchteil der Berliner Mieten betreiben.
Zivilgesellschaft als Anker: Gemeinschaft gegen den Verfall
Anja Reismann ist eine der Treibkräfte des lokalen Aufbruchs. Sie kehrte nach Jahren in Tschechien, Frankreich und Bayern nach Zeitz zurück – und gründete eine Organisation, die Menschen zusammenbringt. Jeden Montagsnachmittag gibt es Kaffee, Kekse und Obst. Alteingesessene und Neuankömmlinge kommen zusammen, Sprachbarrieren werden überbrückt, Nachbarschaften entstehen neu.
Auch Thomas Haberkorn kehrte in seine Heimatstadt zurück. Er kaufte eine seit 20 Jahren leerstehende Jugendstilvilla und verwandelte sie in einen Kultur- und Begegnungsort. Lesungen, Workshops und Ateliers haben dort eine Heimat gefunden. „All dieser Leerstand, mit dem wir kämpfen, kann natürlich auch eine Chance sein“, sagt Haberkorn.
Diese kleinteiligen Initiativen schaffen soziales Kapital – ein Rohstoff, der in strukturschwachen Regionen oft schwerer wiegt als staatliche Förderprogramme.
AfD-Machtgewinn: Droht dem Aufbruch ein jähes Ende?
Ausgerechnet jetzt, da die Region Fahrt aufnimmt, trübt ein politischer Schatten die Aufbruchsstimmung. Umfragen zufolge könnte die AfD bei der nächsten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erstmals in Deutschland eine Alleinregierung einer rechtsextremen Partei bilden. Das Landesamt für Verfassungsschutz stuft die AfD auf Landesebene als gesichert rechtsextremistische Bestrebung ein.
Anja Reismann und Thomas Haberkorn befürchten, dass ein solches Ergebnis das in zehn Jahren mühsam Aufgebaute zerstören könnte: Fördermittel würden gestrichen, Stellen politisch besetzt, ehrenamtliches Engagement ausgebremst. Dazu kommt ein wissenschaftlich belegter Effekt: Eine Studie zeigt, dass eine politische Rechtsentwicklung besonders Hochqualifizierte abschreckt. Fachkräfte aus dem In- und Ausland meiden demnach Regionen mit starker AfD-Präsenz gezielt.
„Ich kenne Menschen, die wirklich wegziehen wollen“, sagt Reismann. „Menschen, besonders aus der Einwanderer-Community, die Karrierechancen hier sehen, aber ernsthaft überlegen, ob sie nach Sachsen-Anhalt kommen sollen.“
Trotz aller Frustration wollen Reismann und Haberkorn bleiben – und haben bemerkt, dass die politische Bedrohungslage die Engagierten eher zusammenschweißt als entmutigt. Ob das ausreicht, um den demografischen und wirtschaftlichen Neustart der Region dauerhaft zu sichern, wird sich in den kommenden Monaten entscheiden.
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