Polycrisis: Ukraine, Iran und die globale Eskalation

Dieses Video wurde am 22.08.2026 von DW News auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.

Zwei Kriege, scheinbar getrennte Schauplätze – doch die Grenzen zwischen ihnen verschwimmen zusehends. Russlands Vollinvasion der Ukraine dauert seit Februar 2022 an, der US-israelische Krieg gegen Iran begann im Februar 2026. Was zunächst als zwei separate Konflikte erschien, verdichtet sich für Analysten zu einer Polycrisis: einem Geflecht aus Stellvertreterkriegen, Ressourcenkämpfen und geopolitischen Machtverschiebungen, das immer mehr Länder in seinen Sog zieht und die internationale Ordnung fundamental erschüttert.

Zwei Kriege, ein Netz aus Abhängigkeiten

Iran ist schon lange kein neutraler Beobachter im Ukraine-Krieg. Teheran liefert Russland Shahed-Drohnen sowie Technologien, die Moskau weiterentwickelt und teilweise zurück nach Iran verkauft hat. Russland revanchiert sich, indem es Iran laut Geheimdienstberichten mit Drohnen und Aufklärungsdaten unterstützt, um Angriffe auf US-Einrichtungen und Verbündete zu ermöglichen.

Gleichzeitig spielt die Ukraine im Iran-Konflikt eine stille Nebenrolle: Kiew teilt Drohnen- und Raketenabwehr-Know-how, das es in jahrelangen Kämpfen gegen russische Angriffe erworben hat, mit Golfstaaten, die unter iranischem Beschuss stehen. Ukraine versteht Iran als einen der zentralen Unterstützer Russlands – und handelt entsprechend, auch wenn Kiew offiziell keine direkte Konfrontation mit Teheran anstrebt.

Öl, Dünger und wirtschaftliche Kettenreaktionen

Irans Blockade der Straße von Hormuz und Angriffe auf Energieinfrastruktur in Golfstaaten haben globale Folgen weit über die Region hinaus. Russland, als großer Ölexporteur, profitiert von den steigenden Weltmarktpreisen und reinvestiert die Mehreinnahmen in seinen Krieg gegen die Ukraine.

Besonders hart getroffen sind dabei:

  • Afrikanische Länder, die auf Düngemittel aus dem Persischen Golf angewiesen sind
  • Importabhängige Volkswirtschaften, die mit stark gestiegenen Energiekosten kämpfen
  • Die Ukraine selbst, deren Getreidexporte bereits durch den Krieg massiv beeinträchtigt sind

Um Russlands Profite zu begrenzen, hat die Ukraine wiederholt russische Ölraffinerien angegriffen und dadurch beträchtliche Mengen russischen Öls vom Weltmarkt genommen – was paradoxerweise die globalen Ölpreise weiter in die Höhe treibt. Die Trump-Regierung hat Kiew gebeten, einige dieser Angriffe angesichts des laufenden Iran-Krieges und bevorstehender Midterm-Wahlen zu unterlassen.

Korea, Trump und das Durcheinander der Bündnisse

Die traditionelle Weltordnung gerät ins Wanken. Trump hat das US-Verteidigungsministerium angewiesen, gemeinsame Militärübungen mit Südkorea zurückzufahren, weil Seoul Washington im Iran-Konflikt nicht unterstützt. Gleichzeitig lobt er Nordkorea – obwohl Pjöngjang Russland direkt mit Waffen und Soldaten im Ukraine-Krieg unterstützt.

Auch in Washington selbst gibt es Spannungen: Verteidigungsminister und Geheimdienste sehen Russland und China als Enabler des Iran. Trump hingegen weigert sich beharrlich, Russland offen zu beschuldigen. Wolodymyr Selenskyj versuchte bei einem Treffen in Washington im Juli, Trump mit einem Geheimdienstbriefing über Moskaus Hilfe für Iran zu überzeugen. Trumps Reaktion blieb vage – er äußerte lediglich, mehr darüber hören zu wollen.

Eine globalisierte Krise – kein Weltkrieg, aber nah dran

Experten sind sich einig: Was sich derzeit entfaltet, ist kein Dritter Weltkrieg im klassischen Sinne – aber etwas gefährlich Nahes. Die Konflikte spielen sich in Schichten ab: konventionelle Kriegführung, Cyberangriffe, Proxy-Operationen und sogenannte Grauzonen-Aktivitäten greifen ineinander.

Iran hat bewusst darauf hingearbeitet, den Konflikt in eine regionale und globale Krise zu verwandeln – mit zunehmendem Erfolg. Russland nutzt sein seit der Islamischen Revolution 1979 aufgebautes Vertrauensverhältnis zu Teheran, um US-Macht im Persischen Golf zu begrenzen und eine Abschreckung zu etablieren, die ihm in der Ukraine versagt blieb.

Wohin diese Dynamik führt, bleibt offen. Die Verflechtungen sind zu komplex, die Akteure zu viele, als dass eine einfache Deeskalation absehbar wäre. Die Polycrisis ist keine Prognose mehr – sie ist Gegenwart.

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