Dieses Video wurde am 05.05.2026 von ZDFheute Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hat eindringlich vor den Folgen gewarnt, sollten die USA die zugesagten Tomahawk-Marschflugkörper nicht an Deutschland liefern. Der Verzicht auf diese Mittelstreckenraketen gefährde Europas Abschreckungsfähigkeit deutlich stärker als der geplante Abzug von 5.000 US-Soldaten aus Deutschland. Pistorius sprach sich gleichzeitig für eine beschleunigte europäische Eigenentwicklung aus — und ließ keinen Zweifel daran, dass die Bundeswehr trotz massiver Investitionen noch erhebliche Lücken aufweist.
Tomahawk-Zusage unter Trump offen
Die Zusage zur Lieferung der Tomahawk-Raketen hatte noch Ex-Präsident Joe Biden gegeben. Präsident Donald Trump hat diese Zusicherung bislang nicht wiederholt. Für Pistorius ist das die beunruhigendere Nachricht — mehr als der angekündigte Truppenabzug.
Bereits 2024, also noch vor Trumps Wiederwahl, startete Deutschland gemeinsam mit Großbritannien und Frankreich die Initiative ELSA (European Long Range Strike Approach), um einen eigenen europäischen Ersatz zu entwickeln. Die Tomahawks sollten ursprünglich die Zeit bis zur Fertigstellung dieses Systems überbrücken.
„Falls die Tomahawks tatsächlich nicht kommen, wird die Fähigkeitslücke, die wir in Europa schon sehr lange haben, noch weiter verlängert“, so Pistorius. Eine offizielle Kaufanfrage an die USA sei bereits vor anderthalb Jahren gestellt worden — eine Antwort stehe noch aus. Angesichts der weltpolitischen Lage macht sich der Minister wenig Hoffnung.
Drohnen als Überbrückung — aber kein vollwertiger Ersatz
Als kurzfristige Antwort auf die drohende Lücke setzt Deutschland verstärkt auf Langstreckendrohnen, auch in Zusammenarbeit mit der Ukraine. Der Krieg in der Ukraine zeigt laut Pistorius, dass Drohnen ein „probates Mittel“ darstellen — auch weil Masse Qualität kompensieren kann.
Dennoch räumte der Minister ein, dass Drohnen nuklearfähige Marschflugkörper in der strategischen Abschreckung nicht ersetzen können. Gleichzeitig betonte er, dass die Tomahawks ohnehin nie in nuklearer Bestückung geplant gewesen seien — die Abschreckungsdebatte bewege sich also auf einer konventionellen Ebene.
- ELSA-System voraussichtlich erst Mitte der 2030er-Jahre einsatzbereit
- Kurzfristige Überbrückung durch Langstreckendrohnen, teils mit ukrainischem Know-how
- Kaufanfrage für Tomahawks an die USA seit 2024 offen, bislang ohne Antwort
- Russland richtet Iskander-Raketen auf Europa aus
Bundeswehr: Geld da, aber Aufbau dauert
Beim Truppenübungsplatz in Munster in der Niedersächsischen Heide demonstrierte die Bundeswehr moderne Kriegsführung mit Drohnenschwärmen und konventionellen Waffensystemen. Pistorius betonte, die Streitkräfte müssten technologisch an der Spitze bleiben und neue Systeme schnellstmöglich in die Truppe einführen.
Aktuell dienen rund 186.000 Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr; das Ziel liegt bei 260.000. Pistorius widersprach der Vorstellung, allein Geldausgaben machten die Bundeswehr verteidigungsbereit. Notwendig seien auch realitätsnahes Üben, zivil-militärische Kooperation und eine veränderte Struktur der Streitkräfte.
Eine Rückkehr zur Wehrpflicht lehnte Pistorius als kurzfristige Lösung ab: Kasernen, Unterkünfte und Ausrüstung könnten nicht schnell genug bereitgestellt werden, um 100.000 bis 150.000 Wehrpflichtige pro Jahr aufzunehmen. Stattdessen setzt er auf steigende Bewerberzahlen Freiwilliger.
Minenjagdboot Fulda auf dem Weg ins Mittelmeer
Parallel zur Rüstungsdebatte verlegte die Bundeswehr das Minenjagdboot Fulda ins Mittelmeer. Hintergrund ist die angespannte Lage in der Straße von Hormus. Das Schiff hat noch keinen konkreten Einsatzauftrag, soll aber im Fall eines Bundestagsmandats schnell vor Ort sein, um bei der Minenräumung zu helfen.
Pistorius knüpfte einen möglichen Einsatz an drei Bedingungen: eine Waffenruhe, einen völkerrechtlichen Rahmen und ein Bundestagsmandat. Deutschland verfüge über herausragende Fähigkeiten in der Minenräumung — diese wolle man im Bündnis zur Verfügung stellen, nicht um Trump zu beeindrucken, sondern aus gemeinsamer Verantwortung.
Die Entwicklungen zeigen: Europa steht vor einer sicherheitspolitischen Zäsur. Die USA ziehen sich schrittweise aus ihrer bisherigen Rolle zurück, während Europas eigene Verteidigungsfähigkeiten noch Jahre von voller Einsatzbereitschaft entfernt sind. Die Bundeswehr und ihre Partner müssen diese Lücke so schnell wie möglich schließen — technologisch, personell und strategisch.
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