Ostdeutschland: Warum der Kanzler schlecht ankommt

Dieses Video wurde am 24.08.2026 von NTV auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.

Das Wahlverhalten in Ostdeutschland hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Journalistin Marieke Reimann hat für ihr gerade erschienenes Buch „Zweite Wende“ intensiv mit Menschen in den östlichen Bundesländern gesprochen. Ihr Fazit: Das Bild, das westdeutsche Medien und Politik vom Osten zeichnen, ist verzerrt – und die Konsequenzen sind an den Wahlurnen deutlich sichtbar. Besonders Bundeskanzler Friedrich Merz komme mit seiner Haltung im Osten schlecht an.

Armut als prägende Erfahrung – nicht nur Nostalgie

Ein zentrales Missverständnis im Westen sei laut Reimann, dass die ostdeutsche Erfahrung vor allem eine Armutserfahrung ist. Häufig werde darauf verwiesen, dass die Innenstädte saniert seien – doch das greife zu kurz.

„Es bringt nichts, wenn dein Portemonnaie nicht voll ist und die Häuser in der Innenstadt nicht dir gehören“, so Reimann. Konkrete Zahlen unterstreichen das: 36 Jahre nach der Wiedervereinigung ist das Vermögen der Haushalte in Westdeutschland noch immer doppelt so hoch wie im Osten.

Auch bei den Löhnen klaffen die Schere weit auseinander:

  • In Mecklenburg-Vorpommern verdient jeder Dritte weniger als 2.700 Euro brutto im Monat.
  • In Hamburg liegt das Durchschnittseinkommen bei rund 4.500 Euro brutto.
  • Das Vermögen ostdeutscher Haushalte beträgt im Schnitt nur die Hälfte des westdeutschen.

Fehlende Parteienbindung im Osten

Anders als im Westen, wo Jahrzehnte lang feste soziale Milieus – etwa das Arbeitermilieu im Ruhrgebiet oder das konservative Bürgertum – das Wahlverhalten prägten, entstanden solche Bindungen im Osten nach 1990 kaum. Klassische Volksparteien wie CDU und SPD wurden dort nie tief verwurzelt.

Reimann nennt dafür strukturelle Gründe: Kirchen, Gewerkschaften und Stiftungen sind im Osten deutlich schwächer verankert. Zudem haben Union, SPD, Grüne und FDP zusammen rund 90 Prozent ihrer Parteibüros im Westen und nur zehn Prozent im Osten. Die AfD hingegen betreibt knapp 50 Prozent ihrer Büros im Osten – besonders im ländlichen Raum, wo sie früh auf Präsenz gesetzt hat.

Hinzu kommt, dass auch Stiftungen zu sieben Prozent im Osten ansässig sind – ein weiteres Zeichen für die strukturelle Unterrepräsentation der Region.

AfD-Erfolg: Symptom politischen Versagens

Reimann warnt davor, den Aufstieg der AfD im Osten allein auf ein ausländerfeindliches Weltbild ihrer Wählerinnen und Wähler zu reduzieren. Laut der Autoritarismusstudie identifizierten sich zwar rund 61 Prozent der AfD-Wählenden mit einem geschlossen ausländerfeindlichen Weltbild – doch das allein erklärt den Osten-Effekt nicht.

„Die Frage müsste lauten: Was haben CDU, SPD und Grüne so lange falsch gemacht?“, sagt Reimann. Diese Parteien würden von vielen Ostdeutschen als westdeutsches Establishment wahrgenommen, das ihre Lebensrealitäten ignoriert. Noch bis 2013 erzielten SPD, Linke und Grüne zusammen Zweitstimmanteile zwischen 50 und 60 Prozent im Osten – heute ist dieses Bild komplett umgekehrt.

Merz und das Besserwessi-Klischee

Besonders kritisch bewertet Reimann den Auftritt von Bundeskanzler Friedrich Merz im Osten. Merz habe sich im vergangenen Jahr vor dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum in Bad Saarow hingestellt und erklärt, er sei froh, im Westen und nicht im Osten geboren zu sein. Solche Aussagen brannten sich bei Menschen ein, die selbst eine Biografie voller Umbrüche erlebt hätten.

Das erinnere viele an ähnliche Auftritte früherer Politiker wie Gerhard Schröder, dessen Wahlkämpfe im Osten ebenfalls verhaftet blieben. Merz bediene das klassische „Besserwessi“-Klischee – eine Haltung, die im Osten als Herablassung empfunden werde und politisch teuer bezahlt werden könnte.

Reimanns Buch „Zweite Wende“ liefert damit einen nüchternen Befund: Solange etablierte Parteien die wirtschaftliche und kulturelle Lebensrealität der Ostdeutschen nicht ernst nehmen, wird der Vertrauensverlust anhalten – und politische Alternativen am Rand des demokratischen Spektrums werden weiter profitieren.

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