Organspende: Kommt die Widerspruchslösung?

Dieses Video wurde am 24.09.2026 von tagesschau auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.

Die Debatte um die Widerspruchslösung bei der Organspende gewinnt in Deutschland wieder an Fahrt. Während viele europäische Nachbarländer bereits seit Jahren auf das Prinzip setzen, dass alle Bürgerinnen und Bürger automatisch als potenzielle Organspender gelten, sofern sie nicht aktiv widersprechen, hält Deutschland bislang an der sogenannten Entscheidungslösung fest. Das hat für tausende Patientinnen und Patienten dramatische Konsequenzen – jeden Tag sterben im Schnitt zwei Menschen, weil sie zu lange auf ein Spenderorgan warten mussten.

Acht Jahre Wartezeit: Der Alltag mit schwerer Nierenerkrankung

Angelika Denunzio weiß, wie sich diese Statistik anfühlt. Seit anderthalb Jahren leidet sie an einer schweren Nierenerkrankung und ist seither dreimal wöchentlich auf Dialyse angewiesen – jede Sitzung dauert vier Stunden. Die Blutwäsche ist für sie eine Zwischenlösung, denn die Risiken sind erheblich.

Zu den möglichen Folgen der Langzeit-Dialyse zählen unter anderem:

  • Herzprobleme durch dauerhafte Kreislaufbelastung
  • Knochenerkrankungen durch Mineralstoffmangel
  • Stark eingeschränkte Lebensqualität im Alltag

Eine Nierentransplantation wäre für sie der einzige Weg zu einem normalen Leben. Doch in Deutschland beträgt die durchschnittliche Wartezeit auf eine Niere über acht Jahre – eine Zeitspanne, die für viele Betroffene zu lang ist.

Europa im Vergleich: Widerspruchslösung zeigt Wirkung

Der Blick auf andere europäische Länder macht deutlich, welchen Unterschied das Rechtssystem in der Organspende ausmachen kann. In Ländern mit der Widerspruchsregelung – darunter Spanien, Österreich und Frankreich – liegt die Wartezeit auf eine Niere lediglich bei anderthalb bis drei Jahren.

Das Prinzip: Wer zu Lebzeiten nicht aktiv erklärt, dass er oder sie keine Organe spenden möchte, gilt nach dem Tod automatisch als Spender. Deutschland hingegen setzt auf die Entscheidungslösung, bei der eine ausdrückliche Zustimmung – etwa durch den Organspendeausweis – Voraussetzung ist.

Hinzu kommt ein weiteres Gerechtigkeitsproblem: Deutschland nimmt im europäischen Netzwerk Organe von Ländern an, in denen die Widerspruchslösung gilt und damit mehr Organe verfügbar sind – trägt aber selbst vergleichsweise wenig zum gemeinsamen Pool bei.

Gescheiterte Lebendspende: Ein Paar sucht nach Alternativen

Angelikas Ehemann war bereit, ihr noch zu Lebzeiten eine seiner Nieren zu spenden. Doch die Gewebemerkmale der beiden passen nicht zueinander – eine medizinische Voraussetzung, die nicht verhandelbar ist. Das Paar versuchte daraufhin, im Rahmen einer sogenannten Überkreuzspende ein anderes Paar in ähnlicher Situation zu finden, um die Spenderorgane gegenseitig auszutauschen. Auch dieser Weg blieb bisher ohne Erfolg.

Ihr Fall zeigt exemplarisch, wie viele Hürden Betroffene nehmen müssen – und wie dringend eine systemische Lösung gebraucht wird. Zusammen mit ihrem Mann betreibt Angelika Denunzio in Lorrach ein Café; ein normales Leben führen zu können bleibt ihr größter Wunsch.

Aufklärung als Schlüssel: Widerspruch muss möglich bleiben

Auch die Befürworterinnen und Befürworter der Widerspruchslösung betonen: Niemand soll ungewollt zum Organspender werden. Entscheidend sei deshalb eine umfassende Aufklärung der Bevölkerung über das Recht zu widersprechen. Nur wenn Menschen wissen, dass sie aktiv Nein sagen können und wie das funktioniert, kann die Regelung ethisch vertretbar umgesetzt werden.

In Deutschland ist die politische Diskussion um einen entsprechenden Systemwechsel nicht neu. Mehrere Anläufe im Bundestag scheiterten bislang. Ob ein neuer Anlauf gelingt, bleibt offen – für Patientinnen wie Angelika Denunzio läuft die Zeit jedoch ab. Die Einführung der Widerspruchsregelung könnte nicht nur ihr, sondern tausenden weiteren Betroffenen in Deutschland eine zweite Chance geben.

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