Dieses Video wurde am 05.05.2026 von BILD auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Das OMR 2026 in Hamburg hat erneut als Europas größtes Digital-Festival Maßstäbe gesetzt: 70.000 Besucherinnen und Besucher füllten das Messegelände an zwei Tagen – ausverkauft, lange bevor die Tore öffneten. Auf der Bild-Live-Stage lieferten Politiker, Unternehmerinnen und Journalisten ein dichtes Programm rund um die Fragen, die Deutschland gerade umtreiben: Wie wird die Wirtschaft digital? Welche Startups haben Zukunft? Und wie reden wir eigentlich noch miteinander?
Digitalminister Wildberger: Ein Jahr im Amt – und noch viel zu tun
Carsten Wildberger, Deutschlands erster Digitalminister und zuständig für Staatsmodernisierung, zog zum ersten Jahrestag seines Amtsantritts eine gemischte Bilanz. Einerseits verwies er auf messbare Fortschritte: Mehr als 60 Millionen Menschen können heute digitale An- und Ummeldungen nutzen, der digitale Fahrzeugschein verzeichnet über 1,5 Millionen Nutzungen, und die Bundesverwaltung arbeitet an einer souveränen zentralen Cloud-Infrastruktur.
Andererseits räumte Wildberger offen ein, dass das Tempo nicht ausreicht. Er forderte eine ehrlichere gesellschaftliche Debatte über Zukunftsthemen – und kritisierte ein „Autoimmunproblem“: Kaum werde ein Reformschritt kommuniziert, werde er sofort als unzureichend abgetan. „Als Nation fühlt es sich manchmal so an, als hätten wir eine Autoimmunkrankheit entwickelt, bei der der Körper sich gegen sich selbst richtet“, sagte Wildberger.
Als konkretes Ziel für das nächste Jahr nannte er drei Felder:
- Abbau von mindestens 30 Prozent der Berichtspflichten gemeinsam mit den Ländern
- Ausbau der digitalen Verwaltungsinfrastruktur als einheitliche Plattform für Bund, Länder und Kommunen
- Stärkung der digitalen Souveränität durch mehr Startup-Gründungen und industrielle KI-Anwendungen
Startup-Szene: Rekordgründungen trotz Rezession
Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbands und Unternehmerin, präsentierte eine überraschende Zahl: Im Jahr 2025 wurden in Deutschland 29 Prozent mehr Startups gegründet als im Vorjahr – mitten im dritten Rezessionsjahr. Als Treiber nannte sie gestiegene Opportunitätskosten am Arbeitsmarkt, die demokratisierende Wirkung von KI auf den Gründungsprozess sowie lebhafte Ausgründungen aus technischen Hochschulen.
Die Rahmenbedingungen beurteilte Pausder jedoch kritisch – Schulnote vier. Ihr Dreipunktprogramm für mehr Wachstum:
- Konsequente Digitalisierung der Verwaltung als Basis
- Flexibilisierung des Kündigungsschutzes bei hohen Gehältern nach skandinavischem Flex-Security-Vorbild
- Umleitung privaten Kapitals – aktuell liegen drei Billionen Euro auf deutschen Sparkonten – in Venture Capital und Innovation
Besonders betonte Pausder die Gefahr des „Todestals“: Sobald Startups die 30- bis 50-Millionen-Euro-Schwelle überschreiten, fehlen europäische Fonds, und außereuropäische Investoren ziehen Unternehmen ins Ausland ab. In den vergangenen zehn Jahren seien so 400 Milliarden Euro Wertschöpfung verloren gegangen.
Debattenkultur und Podcast-Macht: Ronzheimer und Piatov live
Für viel Diskussionsstoff sorgte die Live-Aufzeichnung der 692. Folge des Podcasts „Ronzheimer“ mit Paul Ronzheimer und Philip Piatov. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob Deutschland noch miteinander reden kann. Anlass: SPD, Grüne und Linke hatten kurz zuvor die Plattform X (ehemals Twitter) verlassen und dies mit Desinformation und toxischer Debattenkultur begründet.
Ronzheimer bezeichnete den Schritt als „lächerliche Aktion“ und widersprach der Logik, einer Plattform das Feld zu überlassen. Beide Journalisten sahen darin symptomatisch, was sie als strukturelles Problem deutscher Debatten beschreiben: das Unvermögen, konträre Meinungen auszuhalten, ohne sofort zu delegitimieren. Als Beleg diente der Streit um SPD-Politiker Mützenich, dem Strack-Zimmermann öffentlich russische Interessenvertretung unterstellt hatte.
Ronzheimer räumte zudem selbstkritisch ein, in den ersten Wochen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine zu emotional kommentiert zu haben: „Ich hätte mich ausschließlich aufs Reporting fokussieren sollen.“
Die beiden Journalisten diskutierten auch den wachsenden Einfluss unkritischer Podcast-Formate auf den politischen Diskurs – und die Gefahr, dass Parteien wie die AfD klassische Medien zunehmend meiden und sich eigene Öffentlichkeiten aufbauen.
Ausblick: KI, Deep Tech und das Comeback von „Made in Germany“
Quer durch alle Gespräche zog sich ein vorsichtiger Optimismus. Pausder verwies auf starke deutsche Positionen in Biotech, Quantencomputing und Kernfusion – Bereiche, in denen Deutschland global vorne mitspielen könne, anders als bei Cloud oder KI-Plattformen, wo der Anschluss verpasst wurde. Investor Carsten Maschmeier ergänzte, ganze Berufsfelder würden durch KI nicht verschwinden, aber die unterste akademische Ebene – Analysen, Recherchen, Tabellenkalkulation – werde massiv automatisiert.
Einig waren sich fast alle Gäste: Deutschland unterschätzt seine eigenen Stärken. „Wenn ich im Ausland bin, schauen die Menschen von außerhalb viel positiver auf Deutschland als wir selbst“, sagte Pausder. Das OMR 2026 selbst lieferte dafür ein Argument – ausverkauft, voller Energie, im vierten Rezessionsjahr.
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