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Am 13. August 2026 jährt sich der Mauerbau 1961 zum 65. Mal. Obwohl die Berliner Mauer seit fast 37 Jahren gefallen ist, scheinen Ost und West sich in der öffentlichen Wahrnehmung gegenwärtig eher zu entfernen als anzunähern. Zeitzeugen, Historiker und Politiker nutzten den Jahrestag, um an die Opfer der deutschen Teilung zu erinnern – und gleichzeitig vor einer wachsenden Verharmlosung der DDR-Diktatur zu warnen.
Zeitzeugin Renate Werwig-Schneider: Erinnerung als Auftrag
Vor dem Brandenburger Tor erinnert in diesen Tagen ein temporärer Gedenkort an den Beginn der deutschen Teilung. Für Renate Werwig-Schneider ist diese Geschichte bis heute zutiefst persönlich. Die heute hochbetagte Frau war 23 Jahre alt und Studentin in Berlin, als am 13. August 1961 ihre Stadt geteilt wurde. Sie erinnert sich noch genau an die Fassungslosigkeit ihrer Familie: „Sowas kann doch nicht sein. Das bleibt nicht.“
Doch die Mauer blieb. Zweimal versuchte Werwig-Schneider aus der DDR zu fliehen – 1963 und 1967. Beide Male scheiterte sie, wurde inhaftiert und schließlich von der Bundesrepublik freigekauft. Die Erfahrung der Unfreiheit machte sie, wie sie sagt, stark. Noch heute spricht sie vor Schulklassen über das Leben hinter der Mauer, weil sie spürt: Bei jüngeren Menschen wird das Wissen über die DDR immer geringer.
Junge Berlinerinnen und Berliner bestätigten diesen Eindruck: „In der Schule haben wir sehr wenig über die DDR kennengelernt“, berichtete eine Passantin. Ein anderer räumte ein, vom genauen Datum des Mauerbaus gar nichts gewusst zu haben.
Historiker Kowalczuk: Verharmlosung der SED-Diktatur nimmt zu
Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, 1967 in Ostberlin geboren und renommierter Experte für DDR-Geschichte, sieht eine besorgniserregende Entwicklung. Im Tagesthemen-Interview sprach er von einer kaum fassbaren Verniedlichung der SED-Diktatur, die von Millionen Menschen in Ostdeutschland verzeichnet und sogar als Alternative zur Demokratie dargestellt werde.
Kowalczuk betonte dabei ausdrücklich, dass die AfD kein rein ostdeutsches Phänomen sei – auch in Baden-Württemberg, Hessen und Bayern habe zuletzt fast jede fünfte Person die Partei gewählt. Der entscheidende Unterschied: Im Westen werde die AfD von demokratischen Parteien noch eingehegt, während sie im Osten mit teils über 40 Prozent in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei.
Eine gegenwärtige Mauer zwischen Ost und West sieht Kowalczuk dennoch nicht – zumindest keine geografische:
- Gesellschaftliche Gräben verlaufen laut Kowalczuk zwischen Arm und Reich, zwischen Bildungsfernen und Hochgebildeten sowie zwischen Stadt und Land.
- Die deutsche Wiedervereinigung bezeichnet er als „große Erfolgsgeschichte“ – eine Position, mit der er nach eigener Einschätzung in der Minderheit ist.
- Viele östliche Regionen seien heute optisch kaum von westdeutschen zu unterscheiden.
AfD und DDR-Nostalgie: Ein politischer Widerspruch
Auffällig ist das zwiespältige Verhältnis der AfD zur DDR-Geschichte: Einerseits instrumentalisieren Spitzenpolitiker die DDR-Nostalgie, singen bei der DDR-Hymne mit und pflegen ein verklärtes Bild der untergegangenen Diktatur. Andererseits versuchen dieselben Akteure, die friedliche Revolution von 1989 für sich zu vereinnahmen und als Vorbild für eine „Wende 2.0″ zu stilisieren.
Kowalczuk hält diesen Widerspruch für bezeichnend: „Die Leute, die heute von der Revolution 2.0 schwafeln, waren garantiert nicht 1989 Teil der Freiheitsrevolution.“ Die Berliner Mauer mit ihren rund 140 Todesopfern und die innerdeutsche Grenze mit über 1.000 Toten stünden für das Gegenteil von dem, was autoritäre Bewegungen heute propagierten.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte am Jahrestag ebenfalls eine Verharmlosung der DDR beklagt – sowohl von rechts- als auch von linksaußen.
Ausblick: Erinnerungskultur als demokratische Aufgabe
Der Jahrestag des Mauerbaus macht deutlich, wie wichtig lebendige Erinnerungskultur für eine demokratische Gesellschaft ist. Während Zeitzeuginnen wie Renate Werwig-Schneider unermüdlich vor Schulklassen sprechen, warnen Historiker vor dem Vergessen und vor politischer Instrumentalisierung. Kowalczuk appellierte am Ende des Gesprächs an die Öffentlichkeit: Das wirksamste Mittel gegen Extremismus sei, positiv und sachlich über die Errungenschaften der deutschen Demokratie zu reden – denn dafür gebe es, so der Historiker, „viele, viele Gründe“.
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