Kohleausstieg: Wie sich Sachsen-Anhalt wandelt

Dieses Video wurde am 19.08.2026 von DW News auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.

Der Kohleausstieg verändert ganze Landstriche in Ostdeutschland. In Sachsen-Anhalt, wo der Braunkohlebergbau seit mehr als 100 Jahren die Region prägt, stehen Menschen, Kommunen und Unternehmen vor einer tiefgreifenden Transformation. Deutschland hat sich verpflichtet, spätestens bis 2038 vollständig aus der Nutzung fossiler Brennstoffe auszusteigen. Um den wirtschaftlichen und sozialen Übergang abzufedern, stellt der Bund mehr als 5,1 Milliarden Euro an Fördermitteln bereit – doch ob Geld allein ausreicht, ist umstritten.

Ganze Dörfer für den Tagebau – eine Region mit tiefen Wunden

Die Spuren des Bergbaus sind in Sachsen-Anhalt unübersehbar. Ganze Ortschaften wurden dem Erdboden gleichgemacht, ihre Bewohner zwangsumgesiedelt, um an die begehrte Braunkohle unter der Erde zu gelangen. Das frühere Dorf Groß Grimma mit rund 800 Einwohnern ist ein eindrückliches Beispiel: Häuser wurden abgerissen, sogar der Friedhof wurde verlegt. Heute wächst an seiner Stelle unberührte Natur.

Anke Meinhardt, die dort ihre Kindheit verbrachte und heute dem Stadtrat der Sozialdemokraten angehört, steht stellvertretend für viele Betroffene. Sie hat den Umzug in die neue Siedlung nie bereut – und doch blickt sie mit gemischten Gefühlen auf den Kohleausstieg. Die Menschen, die heute noch im Bergbau arbeiten, machten sich große Sorgen um ihre Zukunft, sagt sie. Niemand könne ihnen verlässlich sagen, wie viele Arbeitsplätze nach der Umstellung auf grüne Energie noch übrig bleiben.

Milliarden für den Strukturwandel – aber wo fließt das Geld hin?

Um den betroffenen Regionen den Wandel zu erleichtern, hat die Bundesregierung ein umfangreiches Förderprogramm aufgelegt. Für Sachsen-Anhalt sind insgesamt rund 4,8 Milliarden Euro aus Bundesmitteln vorgesehen; die Europäische Union steuert weitere 364 Millionen Euro bei. Damit stehen dem Land insgesamt über 5,1 Milliarden Euro zur Verfügung – laut Befürwortern die größte Fördersumme, die ein einzelnes deutsches Bundesland je für einen Strukturwandel erhalten hat.

Ein konkretes Beispiel für den Einsatz dieser Mittel ist der Bau eines modernen Bildungscampus in Naumburg. Mehrere Schulen sollen dort unter einem Dach vereint werden – darunter Angebote für Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 10, inklusive Kinder mit Lernbehinderungen sowie Maßnahmen zur Berufsvorbereitung. Die Idee: akademische und berufliche Ausbildung frühzeitig zu verzahnen, um Fachkräfte für die Region zu gewinnen.

  • Über 5,1 Milliarden Euro Fördermittel für Sachsen-Anhalt (Bund + EU)
  • Bau eines Bildungscampus in Naumburg als Leuchtturmprojekt
  • Viele weitere Projekte befinden sich noch in der Planungsphase
  • Investitionen in erneuerbare Energien sollen langfristig neue Arbeitsplätze schaffen

Kritik: Fehlt ein Gesamtplan für den Wandel?

Trotz der immensen Fördersummen wächst die Skepsis in der Bevölkerung. Anke Meinhardt kritisiert, dass es keinen überzeugenden Gesamtplan gebe und die Verwendung der Mittel für viele Bürgerinnen und Bürger undurchsichtig sei. Als Beispiel nennt sie Fördergelder, die in den Erhalt einer Kathedrale in einer anderen Stadt geflossen seien – Projekte, die mit dem eigentlichen Strukturwandel wenig zu tun hätten.

Die Forscherin Pia Karlfuß teilt diese Einschätzung grundsätzlich. Es sei ein berechtigter Kritikpunkt, dass Mittel für Infrastrukturprojekte eingesetzt würden, die lange im Voraus geplant worden seien und keinen direkten Bezug zum wirtschaftlichen Wandel aufwiesen. Solche Entscheidungen könnten Frustration und Wut in der Bevölkerung auslösen – eine Warnung, die politische Entscheidungsträger ernst nehmen sollten.

Hinzu kommt eine tiefere, kaum messbare Dimension: Mit dem Ende des Bergbaus droht auch ein Identitätsverlust. Die Braunkohle hat das Selbstverständnis vieler Menschen in der Region über Generationen geprägt. Diesen Verlust können Fördermittel allein nicht ausgleichen.

Hoffnung auf die nächste Generation

Trotz aller Zweifel überwiegt bei vielen Betroffenen ein vorsichtiger Optimismus. Anke Meinhardt setzt ihre Hoffnungen vor allem auf die jüngere Generation, von der sie sich innovative Ideen und die Bereitschaft zur Veränderung erhofft. Unternehmen müssten sich anpassen, und mit klugen Köpfen und gezielten Investitionen könne der Wandel gelingen.

Der Kohleausstieg in Sachsen-Anhalt steht exemplarisch für eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung: Wie gelingt es, eine Region, deren Identität und Wirtschaft über ein Jahrhundert lang auf einer einzigen Industrie aufgebaut waren, nachhaltig und sozial gerecht zu transformieren? Die Antwort darauf wird nicht allein in Förderprogrammen zu finden sein – sondern auch darin, ob die Menschen vor Ort tatsächlich mitgenommen werden.

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