Dieses Video wurde am 21.08.2026 von tagesschau auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
In Langenargen am Bodensee verwandeln rund 220 Kinder jedes Jahr eine Spielestadt in ein gelebtes Demokratieprojekt. Die Kinderstadt Mini LA bietet Mädchen und Jungen die Möglichkeit, eine eigene Stadt zu verwalten, zu arbeiten, Steuern zu zahlen – und ihren Bürgermeister selbst zu wählen. Was nach Spiel klingt, ist politische Bildung in ihrer unmittelbarsten Form.
Eine Stadt, die von Kindern regiert wird
Der Tag in Mini LA beginnt mit einem Ritual: Erst wenn die Fahne der Kinderstadt gehisst ist, startet das Treiben. Diese Aufgabe obliegt traditionell dem amtierenden Bürgermeister. In diesem Jahr bekleidet der zwölfjährige Avid das Amt – und tritt erneut zur Wahl an. Sein zentrales Wahlversprechen: die Steuern senken, so wie er es bereits im Vorjahr erfolgreich umgesetzt hatte. „Die, die mich wählen, können aus Erfahrung sprechen“, sagt er selbstbewusst.
Die Kinderstadt ist eine Veranstaltung der Gemeinde Langenargen, die seit rund 30 Jahren stattfindet. Sie bietet Kindern einen strukturierten Rahmen, in dem demokratische Prozesse und wirtschaftliche Zusammenhänge erlebbar werden – ohne pädagogischen Zeigefinger.
Arbeiten, Steuern zahlen, Lohn kassieren
Bevor an Politik gedacht wird, steht für die meisten Kinder eines im Vordergrund: Arbeit. Am Arbeitsamt werden die begehrten Stellen vergeben – von der Krankenschwester bis zur Zeitungsredakteurin. Die neunjährige Leonie ergattert gemeinsam mit ihren Freundinnen einen Platz im Krankenhaus und legt dort eifrig Verbände an.
Wer arbeitet, bekommt Lohn – ausgezahlt in der stadteigenen Währung, den Monties. Der Weg zum Geld führt allerdings über Bürokratie: Lohnzettel holen, stempeln lassen, zur Bank gehen. Ein Ablauf, der den Kindern spielerisch vermittelt, wie Wirtschaft und Verwaltung funktionieren.
- Eigene Währung: die Monties
- Arbeitsamt vergibt Stellen an die Kinder
- Bank zahlt Lohn aus und führt Steuern ab
- Eigene Kinderzeitung berichtet über das Stadtgeschehen
- Rathaus koordiniert Verwaltung und Wahlen
Gewitter stoppt die Wahl – vorübergehend
Dann kommt die unerwartete Wendung: Ein Gewitter zieht über Langenargen auf. Die Kinderstadt muss evakuiert werden – zum ersten Mal in ihrer rund 30-jährigen Geschichte. Per Durchsage werden alle 220 Kinder aufgefordert, das Gelände zu verlassen und in der nahegelegenen Kirche Schutz zu suchen. Die geplante Bürgermeisterwahl muss auf den nächsten Tag verschoben werden.
Die spontane Reaktion eines Kindes bringt die Situation auf den Punkt: „Da bin ich froh, dass es Erwachsene gibt.“ Ein ehrlicher Moment, der zeigt, dass auch in der Kinderdemokratie Grenzen spürbar werden – und dass echter Schutz manchmal von außen kommt.
Kiara gewinnt: Die erste Bürgermeisterin in der Geschichte von Mini LA
Am nächsten Morgen ist das Rathaus wieder bereit. Acht Kandidatinnen und Kandidaten stehen zur Wahl, für viele Kinder ist es ihre allererste Wahlentscheidung. Die Spielregeln sind klar: nur ein Kreuz, sonst ist der Stimmzettel ungültig. Auf die Frage, woran man faire Wahlen erkenne, antwortet ein Kind treffend: „Dass niemand besticht – mit Monties oder so.“
Nach der Auszählung steht fest: Die 13-jährige Kiara setzt sich gegen Amtsinhaber Avid durch und wird damit zur ersten Bürgermeisterin in der Geschichte von Mini LA. Der Jubel der Mitbürgerinnen und Mitbürger ist groß. „Ich freue mich, jetzt noch mehr mithelfen zu dürfen“, sagt Kiara nach ihrem Sieg.
Doch das Feiern hat ein Ende: Bis zum Abschluss der einwöchigen Spielestadt werden Kiaras Wahlversprechen auf den Prüfstand gestellt. Ein bisschen wie in der Erwachsenenpolitik eben – und genau das ist der Kern des Projekts. Mini LA zeigt, dass Demokratie kein abstraktes Konzept ist, sondern etwas, das man lernen, erleben und auch scheitern kann.
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