Dieses Video wurde am 20.08.2026 von DW News auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die KI-Geopolitik spitzt sich zu: Laut einem geleakten Entwurf eines Briefes des US-Außenministeriums, den die Nachrichtenagentur Reuters einsehen konnte, fordern die USA 35 Länder auf, im globalen Wettbewerb um künstliche Intelligenz klar Stellung zu beziehen – entweder an der Seite Washingtons oder an der Seite Pekings. Was nach einem diplomatischen Streit klingt, könnte langfristig auch ganz gewöhnliche Nutzer treffen – von der KI-Anwendung auf dem Smartphone bis zum Cloud-Dienst im Büro.
Was der US-Brief fordert – und wen er betrifft
Der Entwurf des Briefes richtet sich an die 35 Regierungen, die im Juni die sogenannte „AI Opportunities Statement“ unterzeichnet haben. Diese Erklärung, ein Ergebnis des Silicon-Gipfels in Washington, verpflichtet die Unterzeichnerstaaten zur Zusammenarbeit mit den USA im Bereich künstliche Intelligenz.
Die Botschaft des Entwurfs ist eindeutig: Wer am US-geführten KI-Framework teilnehmen will, soll nicht gleichzeitig einem konkurrierenden Framework beitreten. Erwähnt wird Chinas KI-Club zwar nicht beim Namen – gemeint ist er dennoch.
Im Juli 2025 hatte China unter dem Namen WYKO einen eigenen KI-Verbund gegründet, dem 29 Länder beitraten. Das Programm richtet sich vorwiegend an Entwicklungsländer und umfasst Trainingsprogramme, Kooperationszentren sowie den Zugang zu chinesischen KI-Modellen.
Kasachstan als Auslöser: Wer beide Seiten wählt, riskiert die Ausgrenzung
Konkreter Anlass für den Brief soll Kasachstan gewesen sein. Das Land hatte zunächst die US-Erklärung unterzeichnet und anschließend auch WYKOs Vereinbarung. Genau dieses Verhalten will Washington offenbar unterbinden.
Der Entwurf stellt unmissverständlich klar: Wer Pekings KI-Club beitritt, verliert den Platz in Washingtons Koalition. Für viele Länder des Globalen Südens, die bislang auf strategische Offenheit gesetzt hatten, wird diese Wahl zunehmend erzwungen.
- Brasilien half beim Aufbau von Chinas WYKO, unterzeichnete aber keine US-Erklärung – und erhält dennoch Großinvestitionen amerikanischer Technologiekonzerne.
- Indien unterzeichnete mit den USA, baut jedoch parallel eine eigene KI-Infrastruktur durch die „India AI Mission“ auf – großteils auf ausländische Technologie angewiesen.
- Europa spricht seit Jahren von technologischer Unabhängigkeit, viele EU-Staaten unterzeichneten jedoch im Juni die US-Initiative.
Wenn KI-Modelle über Nacht verschwinden – ein Vorgeschmack
Wie real solche Konsequenzen sein können, zeigte sich bereits im Juni 2025. Das Unternehmen Anthropic veröffentlichte seine damals leistungsstärksten Modelle, Claude Fable 5 und Mythos 5. Drei Tage später untersagte die US-Regierung ausländischen Staatsangehörigen den Zugang. Da eine schnelle Überprüfung aller Nationalitäten unmöglich war, wurden beide Modelle für alle Nutzer weltweit abgeschaltet – über Nacht.
Erst 18 Tage später wurden die Modelle wieder aktiviert. Millionen Nutzer waren ohne Vorwarnung ausgesperrt worden – nicht wegen eigenen Fehlverhaltens, sondern wegen ihrer Staatsangehörigkeit.
Chinesische KI-Modelle wie DeepSeek sind in dieser Hinsicht schwerer zu kontrollieren. Als sogenannte Open-Weight-Modelle können sie heruntergeladen und auf eigener Hardware betrieben werden. Sie laufen bereits auf tausenden Servern weltweit und lassen sich kaum zentral abschalten.
Chips, Rohstoffe, Lieferketten – der technologische Preis der Blockbildung
Hinter dem diplomatischen Streit steckt ein handfester Technologiewettbewerb. Die meisten leistungsfähigen KI-Modelle weltweit basieren noch immer auf Nvidia-Chips. Da die besten Nvidia-Prozessoren für China gesperrt sind, müssen chinesische Entwickler auf inländische Alternativen wie Huawei zurückgreifen – mit Abstrichen bei Effizienz und Geschwindigkeit.
Gleichzeitig kontrolliert China rund 90 Prozent der weltweiten Seltenen Erden – jene Rohstoffe, die die Basis der gesamten Halbleiter- und Technologielieferkette bilden. Software kommt aus den USA, Chips aus Taiwan, Speicher aus Südkorea. Je stärker diese Kette durch rivalisierende Blöcke aufgespalten wird, desto teurer wird Technologie insgesamt – nicht nur KI, sondern auch Smartphones, Laptops und Autos.
Der Entwurf des US-Briefes ist noch nicht verschickt worden, und vorerst verliert niemand den Zugang zu seinen KI-Anwendungen. Doch die Richtung ist klar: Regierungen betrachten künstliche Intelligenz zunehmend als strategische Technologie. Wenn der Druck zur Blockwahl wächst, könnten Nutzer weltweit früher als gedacht spüren, welcher Seite ihr Land angehört.
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