Kassenpatienten warten länger auf Arzttermine

Dieses Video wurde am 23.09.2026 von NTV auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.

Die Versicherungskarte entscheidet mit, wie schnell man zum Arzt kommt: Kassenpatienten warten in Deutschland im Schnitt 49 Tage auf einen Facharzttermin, Privatversicherte hingegen nur 30 Tage – das sind drei Wochen weniger. Das belegt eine aktuelle Untersuchung zur Online-Terminvergabe von Fachärzten. Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnet das Ungleichgewicht selbst als Gerechtigkeitsproblem. Wie es dazu kommt, warum sich daran bislang wenig geändert hat und welche Lösungen diskutiert werden, erklärt dieser Artikel.

Zwei Systeme, zwei Geschwindigkeiten

In Deutschland sind 89 Prozent der Bevölkerung gesetzlich versichert, lediglich 11 Prozent privat. Trotz dieser klaren Mehrheit sind gesetzlich Versicherte beim Zugang zur Facharztversorgung strukturell benachteiligt. Studien belegen das Phänomen immer wieder – und die Zahlen sind seit Jahren konstant.

Der Grund liegt im grundlegend unterschiedlichen Abrechnungssystem beider Gruppen. Für gesetzlich Versicherte gilt der sogenannte Einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM). Dieser sieht häufig Pauschalen und Mengenbegrenzungen vor. Das bedeutet: Ärzte erhalten ab einer bestimmten Patientenzahl pro Quartal kaum noch zusätzliche Vergütung – ein starker Anreiz, die Zahl der Kassenpatienten zu begrenzen.

Bei Privatpatienten greift dagegen die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ). Jede Leistung wird hier einzeln abgerechnet, oft mit dem Zwei- bis Dreifachen des Regelsatzes. Das macht Privatpatienten für Arztpraxen wirtschaftlich deutlich attraktiver – und sorgt dafür, dass Termine schneller vergeben werden.

Wartezeit als Gerechtigkeitsfrage

Kanzler Merz hat das Thema zur Gerechtigkeitsfrage erklärt und angekündigt, es angehen zu wollen. Konkrete Maßnahmen hat er bislang jedoch nicht benannt. Damit steht die Politik vor einer bekannten Herausforderung: Das duale Krankenversicherungssystem ist tief im deutschen Sozialrecht verankert und jede Reform berührt mächtige Interessen.

Die politischen Forderungen lassen sich grob in zwei Lager einteilen:

  • SPD, Grüne und Linke fordern seit Langem die Abschaffung des dualen Systems zugunsten einer Bürgerversicherung, in die alle Bürgerinnen und Bürger – unabhängig vom Einkommen oder Beschäftigungsstatus – einzahlen.
  • CDU und andere Befürworter des bestehenden Systems betonen, dass die private Krankenversicherung Innovationen fördere und die gesetzliche Kassenversorgung durch ihre Beiträge mitfinanziere.
  • Merz selbst hat klargestellt, dass es gute Gründe für beide Systeme gebe – eine Bürgerversicherung schloss er erneut aus.

Der politische Spielraum ist damit vorerst eng gesteckt. Eine grundlegende Strukturreform scheint kurzfristig nicht realistisch.

Sparpaket für gesetzliche Kassen – und was folgen könnte

Im Juli beschloss die Bundesregierung ein Sparpaket für die gesetzlichen Krankenkassen. Damit soll die finanzielle Stabilität der GKV gestärkt werden – ein Schritt, der jedoch die strukturelle Ungleichheit zwischen den Versicherungsformen nicht beseitigt.

Theoretisch wäre es möglich, vergleichbare Sparmaßnahmen auch auf die private Krankenversicherung (PKV) zu übertragen. Doch auch hier lässt die Bundesregierung bislang offen, ob und wie das umgesetzt werden soll. Kritiker warnen, ohne eine Angleichung der Abrechnungssysteme werde sich an der unterschiedlichen Wartezeit für Kassenpatienten strukturell nichts ändern.

Ausblick: Diskussion nimmt Fahrt auf

Konkrete Beschlüsse gibt es bislang nicht. Doch die Debatte um eine gerechtere Verteilung von Arztterminen und eine Reform des Abrechnungssystems gewinnt politisch an Dynamik. Ob das zu greifbaren Verbesserungen für die rund 73 Millionen gesetzlich Versicherten in Deutschland führt, bleibt abzuwarten. Klar ist: Solange die Vergütungsanreize für Arztpraxen so ungleich verteilt bleiben, werden Kassenpatienten weiterhin deutlich länger im Wartezimmer sitzen als ihre privatversicherten Mitbürger.

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