Dieses Video wurde am 19.08.2026 von ZDFheute Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Kurz nach seiner Einwechslung beim Testspiel des FC Bayern gegen Heidenheim brach Jamal Musiala zusammen – es war nicht das erste Mal innerhalb weniger Tage. Der 23-jährige Nationalspieler meldete sich anschließend auf Instagram zu Wort und gab zunächst Entwarnung: Es gehe ihm gut. Zugleich erklärte er, dass bei ihm Absencen festgestellt worden seien, die auf eine neurologische Dysfunktion zurückzuführen seien. Was genau dahintersteckt, wie gefährlich das Phänomen für einen Hochleistungssportler ist und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, erklärt der Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht.
Was sind Absencen – und was haben sie mit Epilepsie zu tun?
Der Begriff klingt zunächst harmlos, beschreibt jedoch ein medizinisch bedeutsames Phänomen. Absencen sind kurze Bewusstseinspausen, in denen Betroffene für wenige Sekunden vollständig die Wahrnehmung ihrer Umgebung verlieren – ohne dabei zu krampfen oder zu stürzen. Sie sind eine spezifische Form der Epilepsie, unterscheiden sich aber deutlich vom klassischen Bild eines großen Anfalls.
Beim sogenannten tonisch-klonischen Krampfanfall liegen Betroffene am Boden, krampfen und beißen sich gegebenenfalls auf die Zunge. Bei Absencen hingegen wirken die betroffenen Personen wie abwesend – sie schauen ins Leere, reagieren nicht auf Ansprache und kehren danach kurz desorientiert ins Bewusstsein zurück. Das Tückische: Weder die Betroffenen selbst noch Umstehende bemerken es zwingend, sofern sie nicht genau hinsehen.
Manchmal gehen Absencen mit kleinen Vorzeichen einher:
- Schmatzbewegungen der Lippen
- Auffällige Augenbewegungen
- Zuckungen einzelner Finger
- Kurzes Innehalten mitten in einer Bewegung
Diese Anzeichen können fehlen – der Aussetzer tritt dann scheinbar ohne Vorwarnung auf.
Was löst Absencen aus – und welche Rolle spielt der Sport?
Die eigentliche Ursache von Absencen liegt häufig in einer genetischen Veranlagung. Daneben können Infektionen oder Hirntraumata eine Rolle spielen. Entscheidend ist jedoch der Unterschied zwischen Ursache und Auslöser – sogenannten Triggern.
Dr. Specht veranschaulicht es mit einem treffenden Bild: Eine Patrone in einer Waffe ist ungefährlich, solange niemand den Abzug betätigt. Erst der Abzug – der Trigger – bringt sie zur Wirkung. Im Fall von Musiala kommen beim Fußballspielen gleich mehrere potenzielle Trigger zusammen:
- Körperliche Anstrengung beim Sport
- Hitze, wie sie in deutschen Sommern auf dem Rasen herrscht
- Emotionale Anspannung beim Einwechseln vor großem Publikum
Guter Lebensstil, gesunde Ernährung und Training können Epilepsien nicht verhindern – sie haben eine hirnphysiologische Grundlage, die durch äußere Stressoren lediglich aktiviert wird. Als „Stress“ gilt in der Medizin dabei nicht nur psychischer Druck, sondern jeder Reiz, der den Körper fordert: Hitze, Kälte, körperliche Belastung oder Krankheit.
Behandlung und Prognose: Wie gut sind Absencen therapierbar?
Die gute Nachricht: Absencen lassen sich mit modernen Mitteln wirksam behandeln. Eingesetzt werden Antiepileptika – Medikamente, die die Anfallshäufigkeit deutlich reduzieren oder Betroffene sogar vollständig anfallsfrei machen können. Dr. Specht geht davon aus, dass Musiala entsprechende Medikamente erhalten wird.
Das sportliche Programm muss zumindest kurzfristig angepasst werden. Langfristig jedoch sieht der Medizinjournalist keinen zwingenden Grund, warum Musiala nicht weiter im Profifußball aktiv sein sollte. Die Verletzungsgefahr durch eine Absencen-Episode sei im Fußball deutlich geringer als etwa beim Klettern oder im Motorsport.
Musiala selbst schrieb in seinem Post, es bestehe „kein gesundheitliches Risiko“ – und er wolle sich der Herausforderung stellen. Diese Einschätzung deckt sich mit der medizinischen Bewertung: Mit der richtigen Dosierung der Medikamente und einer schrittweisen Annäherung an die Belastung ist eine Rückkehr in den Leistungssport realistisch.
Absencen bei Erwachsenen – ein seltenes, aber bekanntes Phänomen
Absencen treten am häufigsten im Kindes- und Jugendalter auf, typischerweise zwischen dem 4. und 14. Lebensjahr. Oft verschwinden sie im Laufe der Pubertät von selbst. Dass Musiala im Alter von 23 Jahren betroffen ist, ist ungewöhnlich, aber nicht ausgeschlossen.
Da die Hirnreifung bis etwa zum 25. Lebensjahr andauert, ist theoretisch denkbar, dass sich das Phänomen mit der Zeit abschwächt. Darauf allein verlassen sollte man sich jedoch nicht – eine medikamentöse Therapie bleibt der gesicherte Weg. Zeigt sich nach längerer Anfallsfreiheit eine Stabilisierung, kann unter ärztlicher Aufsicht ein sogenannter Auslassversuch unternommen werden, bei dem die Medikation schrittweise reduziert wird.
Der Fall Musiala rückt ein wenig beachtetes neurologisches Thema ins öffentliche Bewusstsein. Mit der richtigen Behandlung stehen die Chancen gut, dass der Ausnahmespieler bald wieder auf dem Platz steht – und das langfristig.
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