Dieses Video wurde am 24.08.2026 von DW News auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die USA bereiten nach eigenen Angaben die schärfsten Wirtschaftssanktionen in der Geschichte gegen Iran vor. Präsident Masoud Pezeshkian räumte öffentlich ein, dass das Land mit erheblichen wirtschaftlichen Problemen kämpft – ein ungewöhnlich offenes Eingeständnis für die Islamische Republik. Der iranische Rial ist auf ein Allzeittief von zwei Millionen Rial pro US-Dollar gefallen. Noch im Vorjahr lag der Kurs bei knapp einer Million. Gleichzeitig haben sich laut dem Statistischen Zentrum Irans die Lebensmittelpreise im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt. Die Frage, ob Iran diesen Druck dauerhaft standhalten kann, spaltet Experten.
Irans Wirtschaft unter massivem Druck
Djavad Salehi-Isfahani, Wirtschaftsprofessor an der Virginia Tech und Spezialist für die Wirtschaft des Nahen Ostens, beschreibt die Lage als so schlecht wie seit Langem nicht mehr. Jahrzehntelange umfassende Sanktionen hätten Iran nicht nur vom Ölexport abgeschnitten, sondern auch den Import lebenswichtiger Güter erheblich erschwert. Hinzu komme die wirtschaftliche Verwüstung durch einen laufenden Krieg.
Besonders gravierend war die Abschaffung staatlicher Lebensmittel- und Medikamentensubventionen im November des Vorjahres. Diese Reform ließ die Preise schlagartig steigen. Da gleichzeitig die Öleinkünfte weggebrochen sind, greift die Regierung verstärkt auf Gelddrucken zurück, um das Haushaltsdefizit zu decken – ein Schritt, der die Inflation weiter anheizt.
Für viele Iraner bedeutet das konkret: Die Kaufkraft ist nach eigenen Angaben um bis zu 40 Prozent gesunken. Medikamente, Lebensmittel und Alltagsgüter werden von Woche zu Woche teurer. Besonders hart trifft es Menschen mit festem Gehalt, die kaum Spielraum haben, auf steigende Preise zu reagieren.
Wer leidet am meisten unter den Sanktionen?
Die Last der Iran-Sanktionen verteilt sich ungleich. Salehi-Isfahani erklärt, dass wichtige staatliche Einnahmen zunächst in die Regierungskassen fließen. Die Führung in Teheran werde sich zuerst das Nötige für Rüstung und strategische Importe sichern – die Bevölkerung kommt danach.
- Die Ärmsten sind am stärksten gefährdet, da sie kaum Rücklagen haben und auf staatliche Transfers angewiesen sind.
- Die Mittelschicht kann kurzfristig Ausgaben kürzen, verliert aber kontinuierlich an wirtschaftlicher Substanz.
- Das staatliche Bargeldtransferprogramm federt die schlimmste Not ab, verliert aber durch Inflation an Wirksamkeit.
- Unternehmen leiden unter eingeschränktem Zugang zu internationalen Märkten und Devisen.
Trotz aller Schwierigkeiten sei bislang keine weitverbreitete Hungersnot entstanden, betont der Ökonom. Harte Entbehrungen seien jedoch Realität für Millionen Menschen.
Geopolitische Dimension: Chinas Rolle und Irans Gegenstrategie
Giorgio Cafiero, Nahost-Analyst und CEO der Washingtoner Beratungsfirma Gulf State Analytics, sieht die amerikanischen Ziele klar umrissen: Washington will die Straße von Hormus öffnen, Irans Nuklearprogramm einschränken, dessen Raketenprogramm beschränken und Teherans Unterstützung für nichtstaatliche Akteure in der Region beenden.
Allerdings zweifelt Cafiero daran, dass der Wirtschaftsdruck allein diese Ziele erreicht. Iran verfüge über jahrzehntelange Erfahrung im Unterlaufen von Sanktionen. Besonders China spiele dabei eine Schlüsselrolle: Peking kauft den Großteil des iranischen Öls und neigt in Phasen erhöhter Spannungen mit den USA dazu, Teheran enger an sich zu binden – als geopolitisches Druckmittel gegenüber Washington.
Auch die Einstellung der UAE gegenüber Iran ist ambivalent: Obwohl Dubai traditionell ein wichtiger Handelspartner Irans war, hat das Emirat nun Finanz- und Handelstransaktionen mit Iran ausgesetzt – eine Entwicklung, die die Lage verschärft, aber nicht entscheidend verändert.
Irans Belastungsgrenze: Kapitulation oder Gegenschlag?
Die Frage, ob Iran an einem Wendepunkt steht, lässt sich laut Experten nicht eindeutig beantworten. Salehi-Isfahani betont, dass Iraner trotz massiver Kritik an der eigenen Regierung stolz darauf seien, dass das Land noch „steht“ – die Bereitschaft zur Kapitulation sei daher schwer zu bemessen und hänge nicht allein von wirtschaftlichen Kennzahlen ab.
Cafiero wiederum warnt vor den Folgen einer wirtschaftlichen Strangulierung: Sollten die Sanktionen die Stabilität des Regimes ernsthaft gefährden, könnte Iran militärisch reagieren – gegen Nachbarstaaten am Persischen Golf, die als Mitverantwortliche der Druckpolitik gelten. Irans Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrates drohte bereits, jedes Land, das sich an der „Wirtschaftskriegsführung“ beteilige, als Feind zu betrachten.
Ob die neuen US-Sanktionen tatsächlich einen Regimewechsel herbeiführen oder lediglich die iranische Bevölkerung weiter belasten, ohne die strategischen Ziele Washingtons zu erreichen, bleibt offen. Irans Führung hat stets bewiesen, dass sie wirtschaftlichen Druck auf die eigene Bevölkerung abwälzen kann – während sie gleichzeitig nach Wegen sucht, ihre geopolitische Position zu festigen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob das Kalkül der Trump-Administration aufgeht oder eine neue Eskalationsspirale auslöst.
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