Dieses Video wurde am 14.08.2026 von DW News auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die monatelange Sperrung der Straße von Hormus hat eine bislang wenig beachtete ökologische Gefahr ausgelöst: Mehr als 1.500 Handelsschiffe lagen über Monate in der Region still – ausgerechnet während der Hauptwachstumssaison für Meeresorganismen. Ihre Rümpfe haben sich mit Algen, Seepocken, Muscheln und anderen Lebewesen besetzt. Ein internationales Team von Meeresforschern warnt, dass diese Schiffe beim Auslaufen invasive Meeresarten in Häfen weltweit verschleppen könnten. Wissenschaftler sprechen bereits von einem potenziellen „biologischen Superspreader-Ereignis“.
Biofouling: Was auf stilliegenden Schiffen wächst
Sobald ein Schiff längere Zeit im Wasser stillliegt, setzt ein Prozess ein, den Meeresbiologen als Biofouling bezeichnen. Zunächst bildet sich ein bakterieller Biofilm auf dem Rumpf, der anschließend von höheren Organismen wie Makroalgen, Muscheln und Seepocken besiedelt wird. Im Normalbetrieb verhindern Antifouling-Beschichtungen mit bioziden Kupferverbindungen das übermäßige Wachstum – doch diese Schutzanstriche sind nur beim fahrenden Schiff wirklich effektiv.
Liegt ein Schiff über mehrere Tage hinaus fest, werden die Beschichtungen schnell überwältigt. In der Straße von Hormus kam erschwerend hinzu, dass die Sperrung am 28. Februar begann – genau zu Beginn der Frühjahrssaison, in der Wassertemperaturen steigen und die Reproduktion von Meeresorganismen ihren Höhepunkt erreicht. Die Schiffe lagen zum ungünstigsten Zeitpunkt des Jahres still.
Warum die Straße von Hormus ein Worst-Case-Szenario ist
Meeresbiologischer Experte Mario Tamburri von der University of Maryland bezeichnet die aktuelle Situation als „perfekten Sturm“. Gleich mehrere Faktoren verstärken das Risiko:
- Über 1.500 Großtanker und Massengutfrachter lagen gleichzeitig still – eine beispiellose Konzentration.
- Die Organismen des Persisch-Arabischen Golfs sind an hohe Temperaturen und hohe Salzgehalte angepasst und damit besonders robust.
- Die Sperrung dauerte mehrere Monate – von Frühjahr bis in den Sommer hinein.
- Die eng beieinanderliegenden Schiffe konnten Organismen zusätzlich untereinander austauschen.
- Die betroffenen Schiffe verkehren global und erreichen Häfen in Asien, Europa, Amerika und Australien.
Inzwischen haben rund 1.400 der gestrandeten Schiffe die Region verlassen. Das Ereignis ist damit, so Tamburri, „bereits im Gange“.
Die Asiatische Grünmuschel als warnendes Beispiel
Ein bekanntes Beispiel für die Folgen von Biofouling ist die Asiatische Grünmuschel (Perna viridis), die im Persisch-Arabischen Golf heimisch ist. Sie hat sich über Schiffsrümpfe bereits in Florida, der Karibik, Südamerika und Australien angesiedelt. Dort verdrängt sie einheimische Arten und verstopft Kühlsysteme von Kraftwerken sowie Hafenanlagen – mit erheblichen wirtschaftlichen Schäden.
Neben solchen Makroorganismen warnen die Forscher auch vor mikrobiellen Pathogenen, die über Biofouling übertragen werden können und potenziell Wildtiere, Aquakulturen oder sogar die menschliche Gesundheit gefährden.
Gegenmaßnahmen: Was Häfen und Reedereien tun können
Da die meisten Schiffe die Region aus Sicherheits- und Wirtschaftsgründen verlassen mussten, ohne ihre Rümpfe zuvor reinigen zu lassen, konzentrieren sich Wissenschaftler nun auf Schadensbegrenzung. Empfohlen werden folgende Schritte:
- Schätzung des Bewuchsgrades anhand von Sichtkontrollen an der Wasserlinie und erhöhtem Kraftstoffverbrauch (starker Bewuchs erzeugt mehr Strömungswiderstand).
- Priorisierung von Ankunftshäfen mit ähnlichem Temperatur- und Salzgehaltsprofil wie der Arabische Golf als Hochrisiko-Standorte.
- Bereitstellung von Reinigungsdiensten in Zielhäfen, die Biofouling sicher entfernen und biologisches Material auffangen.
- Installation von Früherkennungssystemen für invasive Arten in gefährdeten Küstenregionen.
Die Wissenschaftler betonen, dass Biofouling durch Schiffsverkehr ein globales Dauerproblem ist. Was die aktuelle Situation jedoch von normalen Verhältnissen unterscheidet, ist das außergewöhnliche Ausmaß: Hunderte von Großschiffen, monatelang stillgelegt, zur ungünstigsten Jahreszeit, in einem der artenreichsten Meeresgebiete der Welt. Die internationale Schifffahrt und die zuständigen Behörden stehen nun vor der Aufgabe, die ökologischen Folgen dieser Krise zu begrenzen – und langfristig verbindlichere Standards für Schiffshygiene und Biofouling-Management durchzusetzen.
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