Dieses Video wurde am 04.05.2026 von tagesschau auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Debatte um die Gesundheitsreform in Deutschland ist längst keine abstrakte Fachpolitik mehr – sie trifft Millionen Menschen im Alltag. In der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ diskutierten Ärzte, Studierende und Experten über Terminengpässe, ungerechte Vergütungsstrukturen und die Frage, ob das deutsche Gesundheitssystem eine Zweiklassen- oder sogar eine Sechsklassenmedizin hervorgebracht hat. Die Antworten fielen ernüchternd aus.
Terminengpässe: Ein strukturelles Problem
Eines der drängendsten Probleme im deutschen Gesundheitswesen ist die ungleiche Verteilung von Arztterminen. Kassenärztliche Bundesvereinigung-Chef Andreas Gassen machte deutlich, dass Terminengpässe vor allem in strukturschwachen Regionen entstehen – und zwar unabhängig vom Versicherungsstatus. Dort mangelt es schlicht an Ärzten, die große Einzugsbereiche versorgen müssen.
Ein weiteres Kernproblem sei der ungesteuerte Zugang zum Gesundheitssystem: Jeder Patient kann ohne Bedarfsprüfung direkt zum Facharzt oder Psychotherapeuten gehen. Das führt dazu, dass Termine nicht zwangsläufig an die dringendsten Fälle gehen, sondern an jene, die am beharrlichsten nachfragen.
Eine bessere Patientensteuerung – etwa durch die Servicenummer 116 117 – könnte den Druck auf Praxen lindern und sicherstellen, dass Patienten dorthin gelangen, wo sie medizinisch wirklich hingehören.
Vergütungsobergrenze: Warum Ärzte Kassenpatienten meiden
Ein strukturell bedingter Ungleichheitsmotor ist die Vergütungsobergrenze in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Haben Arztpraxen ihr Quartalspunktezahl ausgeschöpft, erhalten sie für weitere GKV-Patienten kein Honorar mehr – ein wirtschaftlicher Anreiz, Privatpatienten zu bevorzugen.
Hinzu kommt: Die aktuelle Gesundheitsministerin plant, diese Vergütung weiter abzusenken. Kritiker warnen, dass damit die Versorgungsqualität für gesetzlich Versicherte weiter sinkt. Wer keine Leistung vergütet bekommt, hat wenig Anlass, sie zu erbringen – besonders, wenn gleichzeitig Personalkosten zu stemmen sind.
- GKV-Ärzte erhalten nach Budgetausschöpfung kein Honorar mehr für weitere Kassenpatienten
- Privatpatienten und Selbstzahler erhalten bevorzugt Termine
- Digitale Buchungsportale zeigen je nach Versicherungsstatus unterschiedliche Verfügbarkeiten
- Auf dem Land verschärft fehlende Infrastruktur das Problem zusätzlich
Sechsklassenmedizin: Eine neue Diagnose
Die Medizinstudentin Klara Schlagowski, die neben ihrem Studium in einem Krankenhaus arbeitet, lehnte den Begriff „Zweiklassenmedizin“ als zu vereinfacht ab. Sie skizzierte stattdessen sechs reale Versorgungsebenen:
Ganz oben stehen Privatversicherte mit Zugang zu Chefarztzimmern und Privatkliniken. Darunter gesetzlich Versicherte, die sich als Selbstzahler schnellere Termine erkaufen können. Eine weitere Gruppe profitiert von persönlichen Kontakten ins Gesundheitswesen. Dann folgen jene, die schlicht die GKV-Regelleistungen in Anspruch nehmen – mit entsprechend langen Wartezeiten. Benachteiligt sind außerdem Menschen mit Barrieren wie chronischen Erkrankungen, Behinderungen oder schlechter Erreichbarkeit. Und schließlich die über 70.000 Menschen ohne jede Krankenversicherung, die in der politischen Debatte kaum vorkommen.
Auch pflegende Angehörige wurden als blinder Fleck benannt: Sie erbringen informelle Pflegeleistungen, die – in Geld berechnet – das Fünffache des gesamten Pflegeversicherungsvolumens ausmachen würden.
Systemstärken erhalten, Schwächen beheben
Trotz aller Kritik betonten die Diskussionsteilnehmer, dass das deutsche Gesundheitssystem international nach wie vor zu den leistungsfähigsten gehört. Die gesetzliche Krankenversicherung biete für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung einen vergleichsweise niedrigschwelligen Zugang zu einem breiten Leistungskatalog – inklusive teurer Medikamente und spezialisierter Versorgung.
Einigkeit bestand darin, dass das System strukturell reformiert werden müsse: nicht durch die verfassungsrechtlich schwierige Zusammenlegung von PKV und GKV, sondern durch eine Prävention statt Behandlung-Logik. Wer Menschen gesund erhält, solle künftig besser vergütet werden als wer Krankheit behandelt. Gleichzeitig müssen soziale und administrative Barrieren abgebaut werden, damit das Solidarprinzip der GKV auch in der Praxis greift – und nicht nur auf dem Papier.
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