Dieses Video wurde am 16.04.2026 von WDR aktuell auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Seit mehr als zwei Wochen liegt ein gestrandeter Wal in der Bucht vor der Insel Poel an der Ostsee. Nachdem frühere Bemühungen scheiterten und Gutachten das Tier als schwerkrank einstuften, startete am Mittwoch ein neuer, privat finanzierter Rettungsversuch. Reiche Geldgeber übernahmen Kosten und Verantwortung – doch Wissenschaftler und Tierschützer üben scharfe Kritik an der fehlenden Fachbegleitung.
Millionäre finanzieren Rettungsversuch
Hinter der neuen Aktion stehen zwei Privatpersonen: Walter Gunz, Mitgründer von MediaMarkt, und die Unternehmerin Karin Walter-Mommat. Sie tragen die anfallenden Kosten und übernehmen die volle Verantwortung für den Versuch. Gunz betonte, das Wohl des Tiers stehe an erster Stelle: „Dem Tier darf kein Schaden zugefügt werden. Wenn wir das beweisen können, dann war es eine richtige Entscheidung.“
Als Schlüsselfigur wurde der selbsternannte Walexperte Sergio Bambarén eigens aus Peru eingeflogen. Er behauptet, Techniken zu kennen, mit denen sich das Tier beruhigen und auf menschliche Hilfe vorbereiten lässt. Wissenschaftlich belastbare Belege dafür blieb er öffentlich schuldig.
Das Schlagwort der Aktion: minimalinvasiv. Taucher sollen behutsam eine Plane unter den Wal schieben, ohne das Tier unnötig zu stressen.
Technischer Ablauf: Plane, Luftkissen und Schlepper
Das geplante Verfahren ist technisch aufwendig und setzt mehrere Schritte voraus:
- Zunächst wird Sand und Schlick unter dem Wal weggespült, um ausreichend Platz zu schaffen.
- Anschließend werden Luftkissen unter das Tier geschoben, die den Wal leicht anheben.
- Eine stabile Plane wird darunter gezogen und an zwei Pontons befestigt.
- Ein Schlepper zieht die Konstruktion schließlich auf dem Wasserweg zurück in die Nordsee.
Im Hafen von Poel trafen am Mittag schwere Baufahrzeuge ein, um die Vorbereitungen zu unterstützen. Der eigentliche Einsatz der Luftkissen wurde jedoch auf den Folgetag verschoben – die Arbeiten pausierten am Nachmittag zunächst.
Experten warnen vor fehlendem Tierschutz
Das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern unter Minister Backhaus genehmigte das Konzept – nach Informationen aus Fachkreisen jedoch ohne Einbeziehung von Meeresbiologen oder Tiermedizinern. Das sorgt für erheblichen Widerspruch.
Kritiker bemängeln, dass keinerlei tiermedizinische oder meeresbiologische Expertise beim Genehmigungsprozess vorgelegen habe. „Das Tierwohl steht absolut im Vordergrund. Und das bedeutet im Zweifelsfall auch, das Tier in Ruhe zu lassen, anstatt es weiterem Stress und einem qualvolleren Tod auszusetzen“, sagte ein Experte. Frühere Gutachten hatten das Tier bereits als schwerkrank eingestuft und eine erfolgreiche Rettung als unwahrscheinlich bewertet.
Auch der Ablauf des Mittwochs verlief chaotisch: Dutzende Journalisten und Kamerateams verfolgten die Aktion in mehreren Livestreams, während an Land Schaulustige und Touristen das Geschehen beobachteten.
Insulaner genervt, Touristen neugierig
Die Bewohnerinnen und Bewohner der Insel Poel zeigen sich nach 17 Tagen medialen Trubels zunehmend erschöpft. Die Stimmung vor Ort sei „gemischt“, berichtete eine Reporterin aus dem Ort. Viele Einheimische seien schlicht froh, wenn der Wal – egal wie – nicht mehr in der Bucht liegt.
Touristen und Schaulustige hingegen verfolgten das Geschehen mit Interesse, hielten sich aber mit Abstand. Im Laufe des Abends wurde es ruhiger auf der Insel, da die Rettungsarbeiten bis zum nächsten Morgen unterbrochen wurden.
Der Fall des gestrandeten Ostsee-Wals macht seit Wochen bundesweit Schlagzeilen und offenbart grundlegende Konflikte: zwischen Mitgefühl und wissenschaftlicher Vernunft, zwischen privatem Engagement und staatlicher Verantwortung. Ob der neue Versuch dem Tier tatsächlich hilft oder es weiter belastet, soll sich in den kommenden Stunden zeigen.
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