Dieses Video wurde am 20.08.2026 von tagesschau auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Der Gasspeicher Füllstand in Deutschland ist so niedrig wie seit Jahren nicht mehr: Mitte August 2026 liegen die Speicher lediglich zu 50,1 Prozent voll – zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres waren es noch 67,1 Prozent. Bis Anfang November schreibt das Gesetz einen Mindestfüllstand von 80 Prozent vor. Ob dieses Ziel noch erreichbar ist, bezweifeln Fachleute inzwischen offen. Für Verbraucherinnen und Verbraucher bedeutet das: Das Heizen im Winter dürfte deutlich teurer werden.
Irankrieg treibt Gaspreise in die Höhe
Auslöser der angespannten Lage ist der seit Ende Februar andauernde Irankonflikt. Der Börsenpreis für Gas hat sich seitdem mehr als verdoppelt und verharrt auf hohem Niveau. Die Ursache: Die Straße von Hormus, ein kritisches Nadelöhr des weltweiten Flüssiggashandels, bleibt geschlossen. Dem Weltmarkt fehlen dadurch erhebliche Mengen an Flüssiggas – ein Engpass, der sich direkt auf die europäischen Füllstände auswirkt.
Gashändler zögern unter diesen Bedingungen mit Einkäufen, weil das Einlagern zu aktuellen Preisen wirtschaftlich unattraktiv ist. Im Gasspeicher Insenham West nahe dem Chiemsee in Bayern liegt der Füllstand bei gerade einmal 12 Prozent – in einem normalen Jahr wären es um diese Zeit 60 bis 70 Prozent.
Bundesnetzagentur zwischen Sorge und Entspannung
Die Bundesnetzagentur überwacht die gesetzlich vorgeschriebenen Füllstände. Die Behörde bezeichnet die Lage als Zustand „zwischen Sorge und Entspannung“: Die Infrastruktur sei vorhanden, Gas verfügbar – die Händler müssten nun liefern. Bis zum November bleibe noch Zeit zum Einspeichern.
Das Bundeswirtschaftsministerium unter Ministerin Katherina Reiche beobachtet die Lage, will aber erst so spät wie möglich eingreifen. Ein staatlicher Eingriff müsse die Versorgungssicherheit tatsächlich erhöhen, ohne selbst Fehlanreize zu setzen oder Preise unnötig zu treiben. Im Notfall könnte das Ministerium anweisen, Gas auch zu höheren Preisen einzukaufen. Zusätzlich verweist Berlin auf die Flüssiggasterminals an Nord- und Ostsee als flexible Importoption.
Experten sehen systemkritische Risiken
Energiemarktanalyst Andreas Schröder vom Analysehaus ISIS warnt vor einer ernsthaften Versorgungslücke. Flüssiggas deckt in Deutschland derzeit nur 10 bis 15 Prozent des Gesamtverbrauchs und reicht an den kältesten Wintertagen nicht aus, um den Bedarf zu decken. Die Gasspeicher seien an genau diesen Tagen systemkritisch.
Schröder benennt die wesentlichen Risikofaktoren:
- Ein anhaltend geschlossene Straße von Hormus schränkt den globalen Flüssiggashandel ein.
- Ein überdurchschnittlich kalter Winter würde den Verbrauch zusätzlich in die Höhe treiben.
- Die Sommerpreise für Gas liegen bereits bei über 60 Euro pro Megawattstunde – deutlich über dem langjährigen Schnitt.
- Winterpreise könnten noch weiter steigen, wenn sich der Irankonflikt in die Länge zieht.
- Eine staatliche Gasspeicherreserve ist zwar geplant, startet aber erst im nächsten Jahr.
Als kurzfristige Maßnahme kommt nach Ansicht des Analysten ein Eingriff des Marktbetreibers Trading Hub Europe in Betracht, der unterstützend Speicherkapazitäten befüllen könnte.
Was Verbraucher jetzt tun können
Die Verbraucherzentralen kritisieren das Vorgehen der Politik als zu abwartend. Angesichts der fragilen weltpolitischen Lage und bestehender Energieabhängigkeiten sei das Prinzip Hoffnung keine ausreichende Strategie. Besonders betroffen von möglichen Preissteigerungen sind Gaskunden ohne langfristige Verträge.
Verbraucherschützer empfehlen konkret: Bestehende Verträge und Tarife prüfen und – falls möglich – noch vor dem Winter in einen Tarif mit Preisbindung wechseln. Gas heizt mehr als die Hälfte aller deutschen Wohnungen – ein teurer Winter hätte damit für Millionen Haushalte spürbare Folgen.
Ob die Lage tatsächlich kritisch wird, hängt nach Einschätzung der Fachleute vor allem davon ab, wie lange der Irankonflikt andauert und ob die Straße von Hormus wieder geöffnet wird. Eine belastbare Beurteilung, ob das zögerliche Handeln der Bundesregierung fahrlässig war, sei erst nach dem Winter möglich.
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