Dieses Video wurde am 06.05.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Friedrich Merz steht nach rund einem Jahr als Bundeskanzler unter massivem Druck. Der erfahrene Politikjournalist Hans-Ulrich Jörges rechnet in einer scharfen Analyse mit dem CDU-Politiker ab: Merz habe einen grundlegenden strategischen Fehler begangen, liefere nicht und sei womöglich der schlechteste Kanzler, den Deutschland je hatte. Besonders die enge Abhängigkeit von der SPD in der Koalition gilt als zentrales Problem – mit weitreichenden Folgen für die Regierungsarbeit.
Strategischer Fehler: Merz in der Hand der SPD
Jörges sieht den entscheidenden Fehler von Friedrich Merz in der Koalitionsarchitektur selbst. Merz habe sich vollständig in die Hände der SPD begeben – und zahle dafür nun einen hohen Preis. Als konkretes Beispiel nennt Jörges die Gesundheitsreform: Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) habe das Reformpaket sorgfältig erarbeitet, doch kurz vor der Verabschiedung griff SPD-Vorsitzender Lars Klingbeil noch einmal tief in die Kasse.
Klingbeil habe sich kurzerhand zwei Milliarden Euro zusätzlich herausverhandelt – Geld, das den Krankenkassen nun fehlt. Der Kanzler habe dabei zugeschaut, ohne einzugreifen. „Er ist ihm nicht in den Arm gefallen“, urteilt Jörges, „das hätte er tun sollen.“
Rentenreform: Nächste Bewährungsprobe mit der SPD
Noch schwieriger könnte es laut Jörges bei der bevorstehenden Rentenreform werden. Hier trifft Merz nicht auf eine Parteifreundin, sondern auf Bärbel Bas, die zweite SPD-Vorsitzende. Jörges beschreibt sie als kompromisslose Verfechterin des Sozialstaats, die Maßnahmen wie eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit kategorisch ablehnen werde.
„Da kommt er nicht so einfach davon“, so Jörges. Mit Bas werde Merz sich anlegen müssen – ob er dazu bereit und in der Lage ist, lässt der Journalist offen.
Kritik an Kommunikation und Arbeitsstil des Kanzlers
Neben den koalitionspolitischen Problemen richtet Jörges seinen Blick auf den persönlichen Führungsstil von Friedrich Merz. Der Kanzler habe ein Jahr lang Reden gehalten und der Bevölkerung vorgeworfen, zu bequem und zu faul geworden zu sein. Diese Kommunikation habe das Verhältnis zur Bevölkerung nachhaltig beschädigt.
Jörges wirft Merz vor, selbst das zu verkörpern, was er anderen vorwirft:
- Kein erkennbarer „Herbst der Reformen“ – versprochen, nicht geliefert
- Kein „Winter der Reformen“ – die Agenda dümpelte vor sich hin
- Merz habe das Amt genossen, aber nicht ausgefüllt
- Der Kanzler wirke „ein wenig faul“ – ein hartes, aber nach Jörges‘ Einschätzung zutreffendes Urteil
- Die Bevölkerung nehme ihm das Ausbleiben konkreter Ergebnisse zu Recht übel
„Er hat sich sein Amt immer gewünscht, aber er hat es nicht ausgefüllt“, fasst Jörges zusammen.
Koalitionszukunft: CDU besser mit den Grünen?
Die Frage, ob die Große Koalition die gesamte Legislaturperiode überstehen wird, beantwortet Jörges differenziert. Entscheidend seien die Landtagswahlen im September in den ostdeutschen Bundesländern – insbesondere das Abschneiden der AfD und die Reaktionen innerhalb der CDU darauf.
Kurzfristig sieht er kaum eine Alternative: Weder CDU noch SPD könnten sich aus der Koalition verabschieden, ohne in die politische Bedeutungslosigkeit zu geraten. Ein Bündnis mit der AfD schließt Jörges kategorisch aus – das würde die CDU „selbst zerlegen“.
Langfristig plädiert Jörges für eine Neuausrichtung: Eine Koalition aus CDU und Grünen sei das einzig sinnvolle Modell. Die Voraussetzung dafür sei eine klare Aufgabenteilung – die CDU verantwortet die Wirtschaftspolitik, die Grünen die Klimapolitik. Das aktuelle Bündnis mit der SPD bezeichnete er als „krankes Projekt“, das sich nicht wiederholen dürfe.
Die Analyse von Jörges zeichnet das Bild eines Kanzlers, der zum richtigen Zeitpunkt das falsche Bündnis geschlossen hat – und dessen Reformversprechen im Alltag des Koalitionsbetriebs zerrieben werden. Ob Merz noch gegensteuern kann, dürften die Herbstwahlen und die Auseinandersetzung um die Rentenreform zeigen.
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