Dieses Video wurde am 08.05.2026 von ZDFheute Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Finnlands Gesamtverteidigung gilt in ganz Europa als Referenzmodell: Bunker für mehr Menschen als Helsinki Einwohner hat, eine gesellschaftsweite Krisenkultur und jahrzehntelange Erfahrung mit einem Russland als Nachbarn. Anlässlich eines Staatsbesuchs in Helsinki und eines Besuchs der finnischen Außenministerin Elina Valtonen in Deutschland wird deutlich, was Deutschland und andere europäische Staaten vom NATO-Neuling im Norden lernen können – und wie Finnland die Sicherheitslage in Europa bewertet.
Zwei Säulen der Gesamtverteidigung: Militär und zivile Resilienz
Das finnische Sicherheitskonzept ruht auf zwei tragenden Pfeilern. Auf der einen Seite steht die militärische Stärke: Finnland unterhält eine allgemeine Wehrpflicht, verfügt über hohe Reservistenzahlen und eine schlagkräftige Armee. Auf der anderen Seite steht die zivile Resilienz – die Widerstandsfähigkeit der gesamten Gesellschaft in Krisenzeiten.
Sicherheit wird in Finnland ausdrücklich als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden, nicht allein als Staatsaufgabe. Dieses Selbstverständnis wurde nie in Frage gestellt – nicht einmal nach dem Ende des Kalten Kriegs. Die rund 1.300 Kilometer lange Grenze zu Russland und die Erinnerung an zwei verlustreiche Kriege gegen die damalige Sowjetunion sorgen bis heute für ein ausgeprägtes Sicherheitsbewusstsein in der Bevölkerung.
Seit der russischen Invasion in der Ukraine hat das Thema Sicherheit noch einmal an Dringlichkeit gewonnen. Im April 2023 trat Finnland der NATO bei – auf der Suche nach zusätzlichem kollektiven Schutz.
Bunker und das 72-Stunden-Programm als Ausdruck ziviler Vorsorge
Ein besonders sichtbares Symbol der finnischen Wehrhaftigkeit sind die weitverzweigten Zivilschutzanlagen unter Helsinki. Die Hauptstadt verfügt über Bunkerplätze für rund 900.000 Menschen – mehr, als die Stadt überhaupt Einwohner hat. Die Anlagen werden im Friedensbetrieb multifunktional genutzt, etwa als Sportzentren oder Veranstaltungsorte.
Neben der baulichen Infrastruktur setzt Finnland auf ein weiteres Instrument: das sogenannte 72-Stunden-Programm. Jede Bürgerin und jeder Bürger soll wissen, wie er oder sie die ersten drei Tage einer ernsthaften Krise eigenständig überbrückt. Valtonen betont den paradoxen Effekt dieser Vorbereitung:
- Wer weiß, was im Krisenfall zu tun ist, fühlt sich sicherer – nicht ängstlicher.
- Das Wissen um die eigene Rolle im Notfall stärkt das Vertrauen in staatliche und gesellschaftliche Strukturen.
- Die Bevölkerung trägt die Ausgaben für Verteidigung und Zivilschutz breiter mit, weil sie den Sinn dahinter versteht.
- Schulen, Behörden und Arbeitgeber sind in die Vermittlung von Krisenwissen eingebunden.
Für Deutschland, das praktisch über keine funktionierenden Bunkeranlagen mehr verfügt, wäre dies ein erheblicher Mentalitäts- und Strukturwandel.
NATO-Zusammenhalt und die Rolle der Ukraine
Finnland sieht die NATO trotz politischer Verwerfungen durch die Trump-Administration als stärker denn je. Valtonen verweist darauf, dass der Beitritt Finnlands und Schwedens das Bündnis vor allem im Ostseeraum und in der Arktis deutlich gestärkt habe. Im rein militärischen Betrieb funktionierten die USA weiterhin als verlässlicher Partner.
Die europäischen Verbündeten hätten im Zuge der Debatten um amerikanisches Engagement die Notwendigkeit erkannt, deutlich mehr in die eigene Verteidigung zu investieren. Entsprechende Beschlüsse wurden beim NATO-Treffen im Vorjahr gefasst; konkrete Fortschritte sollen beim kommenden NATO-Gipfel in Ankara vorgewiesen werden.
Trumps Druck auf Europa interpretiert Valtonen als Verhandlungsstrategie, nicht als Abkehr vom Bündnis: Ziel sei es, die Europäer zu ernsthafter Eigenverantwortung zu bewegen – eine Position, die Finnland schon immer vertreten habe.
Ukraine in EU und NATO: Finnlands klare Haltung
Ein weiteres zentrales Anliegen Helsinkis ist die möglichst rasche Integration der Ukraine in NATO und EU. Valtonen begründet dies mit handfesten Sicherheitsinteressen: Die Ukraine besitze eine der kampferprobtesten Armeen Europas und verfüge über unschätzbares Wissen in der Drohnentechnologie und modernen Kriegsführung.
Konkret hat Helsinki mit Kiew bereits Vereinbarungen über verstärkte Zusammenarbeit bei Drohnenherstellung und -abwehr getroffen. Ukrainische Start-ups liefern heute Drohnen in alle Welt – ein Exportschlager, der auch Europas Sicherheitsarchitektur stärkt.
Valtonen räumt allerdings einen Zielkonflikt ein: Die langfristigen Vorteile einer ukrainischen NATO-Mitgliedschaft stehen dem kurzfristigen Risiko gegenüber, dass allein die Debatte darüber die innere Geschlossenheit des Bündnisses belasten könnte. Dennoch bleibt Finnlands Botschaft klar: In die Ukraine investieren bedeutet, in die europäische Sicherheit investieren.
Ob ein ukrainischer NATO-Beitritt noch zu Trumps Amtszeit möglich ist, lässt Valtonen offen – sie erinnert daran, dass Trump am Ende stets Verhandler sei. Europa jedenfalls hat die Lektion aus Finnlands Modell verstanden: Sicherheit beginnt nicht erst an der Grenze, sondern in jedem Keller und in jedem Kopf.
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