Dieses Video wurde am 14.08.2026 von tagesschau auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die EU-Verpackungsverordnung ist seit August 2026 in Kraft und soll das Recycling grundlegend verbessern. Bis 2050 könnte sich die globale Müllmenge auf drei Milliarden Tonnen feste Abfälle pro Jahr mehr als verdoppeln – ein massives Umwelt- und Klimaproblem. Die neue Verordnung verpflichtet Hersteller, Verpackungen recyclingfähig zu gestalten und sie ab Mitte 2028 eindeutig zu kennzeichnen. Doch Experten mahnen: Die Regelung hat Lücken, und der Weg zur echten Kreislaufwirtschaft ist noch weit.
Verbundverpackungen: Das unterschätzte Recyclingproblem
In Papierfabriken wie jener im baden-württembergischen Aalen werden bis zu 15.000 Tonnen Altpapier pro Woche verarbeitet. Pappkartons und Zeitungen lassen sich gut recyceln – doch sogenannte Verbundverpackungen bereiten der Branche zunehmend Probleme. Ein Eisbecher aus Papierfasern etwa ist beidseitig mit Kunststoff beschichtet, damit das Eis ihn nicht aufweicht. In der Papierfabrik zerfällt er nicht richtig und landet am Ende als sogenannter Reject in der Müllverbrennung.
Auch beim Verbraucher sorgen Verbundverpackungen für Verwirrung: Viele landen trotz guter Absicht in der falschen Tonne. Eine Studie im Auftrag des Naturschutzbund Nabu zeigt, dass eine überwiegend aus Papier bestehende Verpackung nicht zwingend über die Papiertonne am besten recycelt werden kann.
Was die EU-Verpackungsverordnung konkret regelt
Die Verordnung sieht folgende Maßnahmen vor:
- Ab Mitte 2028 muss auf jeder Verpackung stehen, in welche Tonne sie gehört.
- Jede Verpackung muss künftig zu mindestens 70 Prozent recycelbar sein – mit stufenweise steigenden Anforderungen.
- Ab 2030 können nicht recyclingfähige Verpackungen vom Markt verboten werden.
- Kunststoffverpackungen, die bestimmte Anforderungen nicht erfüllen, sind ab 2030 nicht mehr zugelassen.
Für die Recyclingbranche birgt das auch wirtschaftliche Chancen: Wenn weniger Fehlwürfe in den Sammeltonnen landen, steigt die Qualität der Sekundärrohstoffe.
Kritik an der Kennzeichnung: Zu vage für den Alltag
Nabu-Expertin Katharina Istel begrüßt die Verordnung als Meilenstein der Verpackungsgesetzgebung, sieht aber erhebliche Schwächen. Die bisher bekannten Entwürfe der Kennzeichnung sehen drei verschiedene orangefarbene Symbole für Papierverbunde vor – diese sagen jedoch lediglich aus, dass es sich um einen Papierverbund handelt. Welche Tonne gemeint ist, bleibt offen.
Das ist ein Problem, denn die Entsorgungssysteme unterscheiden sich von EU-Mitgliedstaat zu Mitgliedstaat erheblich. In Deutschland etwa gehören die meisten Papierverbunde in den gelben Sack, nicht in die blaue Papiertonne. Istel warnt: „Wir können nicht alle Hoffnung nur auf diese Kennzeichnung setzen.“ Umfangreiche Aufklärungsarbeit bleibe unerlässlich. Hinzu kommt, dass Verbundverpackungen mengenmäßig sogar zunehmen könnten, weil viele Unternehmen Plastik durch beschichtetes Papier ersetzen – was neue Recyclingprobleme schafft.
Recht auf Reparatur und Zero Waste: Der größere Rahmen
Verpackungsrecycling ist nur ein Baustein im Kampf gegen wachsende Müllmengen. Die EU hat parallel ein Recht auf Reparatur eingeführt: Für definierte Gerätekategorien wie Waschmaschinen, Smartphones und Staubsauger sind Hersteller verpflichtet, Ersatzteile bereitzustellen und reparaturhindernde Software zu unterlassen. Wissenschaftler des Karlsruher Instituts für Technologie betonen die klimarelevante graue Energie, die in jedem Produkt steckt: Je länger ein Gerät genutzt wird, desto effizienter wird diese Energie eingesetzt.
Darüber hinaus gewinnt die Zero-Waste-Bewegung an Bedeutung. Umweltberater empfehlen einfache Alltagsstrategien: Stoffbeutel und Mehrwegflaschen nutzen, Werkzeuge ausleihen statt kaufen, Produkte pflegen und in Repair-Cafés reparieren lassen. Digitale Helfer wie die App Olio oder Lebensmittel-Reste-Kochbücher unterstützen dabei.
Statistisch produziert jede Person in Deutschland rund eine halbe Tonne Müll pro Jahr – an diesem Wert hat sich seit Jahrzehnten kaum etwas geändert. Die EU-Verpackungsverordnung ist ein wichtiger Schritt, doch sie allein wird das Müllproblem nicht lösen. Entscheidend wird sein, wie konsequent die neuen Regeln umgesetzt, die Kennzeichnung weiterentwickelt und Verbraucher informiert werden – und ob es gelingt, Reparieren und Wiederverwenden als gesellschaftliche Norm zu etablieren.
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