Dieses Video wurde am 18.08.2026 von tagesschau auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Erntebilanz 2026 fällt für viele Landwirte in Deutschland ernüchternd aus. Eine Hitzewelle jagte in diesem Sommer die nächste, vor allem im Süden und Südwesten des Landes blieb der Regen wochenlang aus. Das Ergebnis: deutlich gesunkene Erträge bei Getreide, Kartoffeln und Futterpflanzen, steigende Kosten für die Betriebe und wachsende Unsicherheit über die Zukunft der Landwirtschaft. Der Deutsche Bauernverband fordert finanzielle Hilfen, Verbraucherschützer warnen vor möglichen Preisanstiegen.
Ernteergebnisse 2026: Winterweizen, Raps und Kartoffeln unter Druck
Die Zahlen des Bauernverbands sprechen eine deutliche Sprache. Beim Winterweizen, der rund 50 Prozent der deutschen Getreidefläche ausmacht, sank der Ertrag im Vergleich zum Vorjahr um 9 Prozent. Noch stärker traf es den Winterraps: Hier liegen die Einbußen bei rund 20 Prozent. Bei Kartoffeln und Zuckerrüben zeichnet sich ein mittleres bis unterdurchschnittliches Ergebnis ab.
Einen kleinen Lichtblick lieferte die Wintergerste, die ähnliche Erträge wie im Vorjahr erzielte. Insgesamt bleibt die Lage aber angespannt – der Bauernpräsident beschrieb die Situation für viele Betriebe als „toxisch“.
- Winterweizen: –9 % gegenüber dem Vorjahr
- Winterraps: –20 % gegenüber dem Vorjahr
- Kartoffeln und Zuckerrüben: mittleres bis unterdurchschnittliches Ergebnis
- Wintergerste: stabiles Ergebnis auf Vorjahresniveau
Zehn Wochen ohne Regen: Landwirte am Limit
Besonders eindrücklich zeigt sich die Lage auf den Feldern im Ruhrgebiet. Biobauer Dirk Liedmann aus Witten erntete von seinem Kleefield, das normalerweise hüfthoch wächst, nur rund ein Drittel der üblichen Menge. Der Boden ist so ausgetrocknet, dass tiefe Risse entstanden sind – stellenweise bis zu 40 Zentimeter tief.
Zehn Wochen ohne Regen, kombiniert mit Temperaturen von wiederholt über 30 Grad, haben den Boden in eine staubtrockene Masse verwandelt. Liedmann sorgt sich besonders um seine Kartoffeln: Der Boden erhitzte sich auf bis zu 60 Grad, die Blätter der Pflanzen starben ab, die Knollen lagen wochenlang in extremer Hitze.
Auch das Futter für Nutztiere ist knapp. Biokühe, die laut Vorschrift im Sommer auf der Weide stehen müssen, wurden teilweise in den Stall zurückgeholt, weil kaum Gras wuchs. Sie erhielten das Heu, das eigentlich als Wintervorrat gedacht war. Einige Betriebe reduzierten ihren Tierbestand, weil sie die gestiegenen Futtermittelkosten nicht stemmen konnten.
Klimawandel als Treiber: Anpassung der Landwirtschaft wird dringend
Laut Klimaexpertinnen und -experten des ARD-Wetterkompetenzzentrums war der Sommer 2026 durch außergewöhnlich lang anhaltende Hitze und extreme Dürre geprägt. Künstliche Bewässerung half zwar, ist aber teuer und wird mit zunehmendem Wassermangel schwieriger. Der Klimawandel sorgt dafür, dass solche Sommer häufiger werden – während in den Wintermonaten mehr Niederschlag zu erwarten ist.
Um sich langfristig anzupassen, erproben Landwirte verschiedene Strategien:
- Anbau klimaangepasster Sorten, etwa Melonen oder Mandeln, als Nischenkulturen
- Agroforstwirtschaft: Bäume und Sträucher zwischen den Feldern spenden Schatten, bremsen Wind und halten Bodenfeuchtigkeit
- Einsatz von Saatgut aus südlicheren Regionen mit höherer Hitzetoleranz
- Wiederherstellung natürlicher Wasserspeicher wie Flüsse und Auen
Im landwirtschaftlichen Technologiezentrum Baden-Württembergs werden Kiwis, Oliven und Mandeln erprobt. Die Forschenden warnen jedoch: Pauschale Aussagen darüber, welche Kulturen besser mit Extremwetter zurechtkommen, seien noch nicht möglich – belastbare Erkenntnisse erforderten Jahrzehnte. Winterharte Sorten, die auch Temperaturen von minus 15 bis 18 Grad standhalten, seien für Deutschland zwingend erforderlich.
Forderungen nach Hilfen und Ausblick
Der Deutsche Bauernverband fordert kurzfristige finanzielle Entlastung. Konkret sollen EU-Direktzahlungen früher ausgezahlt werden – zu 80 Prozent bereits im Oktober statt wie bisher am Jahresende. Dies würde die Liquidität der Betriebe sichern, damit sie Saatgut, Dünger und Futtermittel für die nächste Saison einkaufen können. Außerdem werden zinsgünstige Kredite sowie steuerliche Erleichterungen gefordert.
Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir hielt sich zunächst bedeckt und verwies darauf, erst vollständige Erntedaten abwarten zu wollen, bevor er sich positioniere. Verbraucher dürften die Ausfälle laut Experten vorerst kaum an der Ladentheke spüren: Der Anteil der Rohware am Endpreis – etwa beim Brot – ist gering. Lohn- und Energiekosten dominieren die Preisgestaltung.
Klar ist dennoch: Die Ernte 2026 ist ein Warnsignal. Solange sich Extremwetter häuft, müssen Landwirte, Politik und Forschung gemeinsam an strukturellen Lösungen arbeiten – von der Flächenbewirtschaftung bis hin zu robusten Fruchtfolgen. Für viele Betriebe zählt kurzfristig vor allem eines: ein besseres Erntejahr 2027.
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