Dieses Video wurde am 14.08.2026 von ZDFheute Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die deutschen Landwirte stehen im Sommer 2026 vor einer der schwersten Krisen seit Jahren. Wochenlange Hitze, ausbleibender Regen und explodierende Betriebskosten führen zu massiven Ernteausfällen, die laut dem Deutschen Raiffeisenverband allein bei Getreide und Raps bereits jetzt Verluste von 600 Millionen Euro verursachen. Bauernpräsident Joachim Ruck schlägt Alarm: Die Liquidität vieler Betriebe sei äußerst angespannt, die Situation in Teilen Süddeutschlands könne man als „toxisch“ bezeichnen.
Sechs bis sieben Wochen Hitze: Felder und Ställe unter Druck
Während frühere Hitzewellen meist nach zehn bis dreizehn Tagen endeten, dauern die aktuellen Extremtemperaturen in vielen Regionen bereits sechs bis sieben Wochen an. Besonders betroffen ist der Süden Deutschlands, etwa das Frankenland nördlich von Heilbronn. Dort berichten Landwirte wie Harald Brunnhüpner von mickrigen Maiskolben, nicht befruchteten Pflanzen und einem faktischen Ernteausfall.
Die anhaltende Hitze schlägt sich direkt auf die Tierhaltung nieder: Kühe geben bei Hitze weniger Milch. Brunnhüpner beziffert seinen monatlichen Milchausfall auf 5.000 bis 6.000 Euro. Noch gravierender ist die drohende Futterknappheit, die Landwirte zwingen könnte, ihre Rinderbestände zu reduzieren – eine Entscheidung mit langfristigen Folgen für die Betriebsstruktur.
Steigende Kosten, fallende Erzeugerpreise – eine gefährliche Schere
Bauernpräsident Ruck beschreibt eine strukturelle Zwickmühle: Auf der einen Seite unterdurchschnittliche Erntemengen und niedrige Erzeugerpreise – der aktuelle Weizenpreis liegt knapp unter dem Niveau der 1980er-Jahre. Auf der anderen Seite massiv gestiegene Kosten für Energie, Diesel und Düngemittel. Zudem droht eine Versorgungsknappheit bei Düngemitteln, die die Vorfinanzierung der Herbstaussaat gefährdet.
- Verluste bei Getreide und Raps: bereits über 600 Millionen Euro
- Milchausfälle durch Hitzestress: bis zu 6.000 € pro Betrieb und Monat
- Weizenpreis auf dem Niveau der 1980er-Jahre
- Hohe Energie-, Diesel- und Düngemittelpreise belasten die Liquidität
- Lebensmittelpreise für Verbraucher in den letzten Jahren um rund 30 Prozent gestiegen
Ruck fordert unter anderem eine Steuererleichterung beim Agrardiesel bis mindestens Ende November sowie gezielte politische Unterstützung für die gesamte Wertschöpfungskette der Landwirtschaft.
Gefährdete Lebensmittelversorgung – wer trägt die Lasten?
Die Frage, ob Deutschland bei der Lebensmittelversorgung ein Problem bekommen könnte, beantwortet Ruck mit einem beunruhigenden „nicht gänzlich auszuschließen“. Die sinkende Erzeugungsmenge in Deutschland ist das eine. Das andere ist das Missverhältnis in der Preiskette: Während Verbraucher deutlich mehr für Lebensmittel zahlen, erzielen Landwirte kaum kostendeckende Preise für ihre Rohprodukte.
Der Deutsche Raiffeisenverband mahnt die Politik zusätzlich, die Logistikinfrastruktur – etwa den Schiffsverkehr auf Flüssen bei Niedrigwasser – hitzetauglich zu machen. „Eng versorgte Märkte können nur funktionieren, wenn die richtige Menge zur richtigen Zeit an den richtigen Ort kommt“, so der Verband.
Klimaanpassung in der Landwirtschaft: Langfristiger Wandel läuft, reicht aber nicht
Wissenschaftler und Landwirte sind sich einig: Klimaanpassung ist kein Zukunftsprojekt, sondern längst Alltag. Ruck betont, dass die Branche seit 15 bis 20 Jahren aktiv umsteuert – mit wasserschonenden Bodenbearbeitungsverfahren wie Mulchsaat und Direktsaat, mit dem Anbau von trockenresistenten Sorten sowie der Integration von Leguminosen (Erbsen, Sojabohnen, Bohnen, Lupinen) in die Fruchtfolge, um Böden zu regenerieren.
In besonders trockenen Regionen wie Brandenburg werden bereits Baumstreifen angepflanzt, um das Mikroklima zu verbessern. Züchtungsforscher arbeiten parallel an Getreidesorten, die sowohl Trockenheit als auch Starkniederschläge besser verkraften. Politisch fordern Experten eine stärkere Förderung von Klimaanpassungsmaßnahmen im Rahmen der europäischen Agrarpolitik sowie gezielte Mittel für Forschung und Emissionsvermeidung.
Die Krise des Sommers 2026 macht deutlich, dass technischer Fortschritt und politischer Rahmen gleichermaßen gebraucht werden – und dass die Zeit drängt. Ob Betriebe wie der Brunnhüpnerhof im Frankenland die nächsten Jahre überstehen, hängt nicht zuletzt davon ab, wie schnell Gesellschaft und Politik handeln.
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