Ernährungssicherheit: Drohen Konflikte durch Hunger?

Dieses Video wurde am 21.08.2026 von DW News auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.

Extremhitze und anhaltende Dürren haben im Sommer 2026 die Ernten in zahlreichen europäischen Ländern stark beeinträchtigt. Obwohl Fachleute keine unmittelbare Gefahr eines Nahrungsmittelmangels auf dem Kontinent sehen, warnen Umweltorganisationen und Wissenschaftler eindringlich: Fehlende Ernährungssicherheit ist ein historisch belegter Auslöser für Aufstände, Kriege und gesellschaftliche Umbrüche. Der Klimawandel verschärft diese Risiken – und die Zeit zum Handeln wird knapper.

Nahrungsmittelpreise als Zünder für Unruhen

Nahrungsmittelknappheit und steigende Lebensmittelpreise sind kein neues Phänomen, wenn es um die Entstehung politischer Krisen geht. Tim Benton, renommierter Experte für Ernährungssicherheit, verweist auf historische Belege: Bereits die Französische Revolution wurde unter anderem durch wetterbedingte Missernten und die daraus folgende Preisinflation bei Lebensmitteln mitausgelöst.

Auch in jüngerer Vergangenheit sind solche Muster erkennbar. Die globalen Nahrungsmittelpreisschocks der Jahre 2007, 2008, 2010 und 2011 galten als wesentlicher Faktor für zivile Unruhen und Aufstände in vielen Teilen der Welt. „Nahrung ist ein sehr, sehr wirksamer Grund, Menschen auf die Straße zu treiben“, so Benton.

Solange strukturelle Ungleichheiten beim Zugang zu Lebensmitteln nicht beseitigt werden, werde die gesellschaftliche Unzufriedenheit weiter wachsen – mit unabsehbaren Folgen für den sozialen Frieden.

Klimawandel und geopolitische Krisen verschärfen die Lage

Die Aussichten für die kommenden Jahre sind alarmierend. Das Jahr 2027 wird Prognosen zufolge noch heißer als 2026 – zusätzlich wird das stärkste je gemessene El-Niño-Ereignis erwartet. Dieses Wetterphänomen kann Ernten auf mehreren Kontinenten gleichzeitig treffen.

Benton warnt vor einem gefährlichen Zusammentreffen mehrerer Krisen:

  • Anhaltende oder eskalierende bewaffnete Konflikte, etwa in der Ukraine oder im Nahen Osten
  • Extreme Wetterereignisse durch den Klimawandel
  • Gleichzeitige Ernteausfälle in mehreren wichtigen Anbauregionen
  • Steigende Lebensmittelpreise auf den Weltmärkten
  • Wachsende soziale Ungleichheit beim Zugang zu Grundnahrungsmitteln

Das Zusammentreffen dieser Faktoren könnte laut Benton „ein sehr schwieriges Jahr“ aus Sicht der Lebensmittelversorgung und der Preisstabilität auslösen.

Resilientere Handelssysteme als Schlüssellösung

Um künftigen Krisen vorzubeugen, plädiert Benton zunächst für ein widerstandsfähigeres globales Handelssystem. Der Trend, bevorzugt mit politischen Verbündeten zu handeln und Länder auszuschließen, die als Gegner gelten, birgt erhebliche Risiken.

Stattdessen empfiehlt er Staaten und Regionen, Nahrungsmittelvorräte im eigenen Land aufzubauen und Handelsrouten zu diversifizieren – nach dem Prinzip, nicht alle Eier in einen Korb zu legen. So soll die Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern verringert werden, die ihrerseits von Klimaextremen betroffen sein könnten.

Landwirtschaft muss grundlegend umgebaut werden

Neben handelspolitischen Maßnahmen fordert Benton einen tiefgreifenden Umbau der Landwirtschaft. Jahrzehntelang seien notwendige strukturelle Reformen aufgeschoben worden – mit wachsenden Folgen.

Konkret schlägt er vor, die landwirtschaftliche Produktion zu diversifizieren: verschiedene Kulturen auf verschiedene Weisen anzubauen und Tierhaltung stärker in Acker- und Gartenbaulandschaften zu integrieren. Dadurch ließe sich die Abhängigkeit von importierten Kunstdüngern deutlich reduzieren.

„Es ist durchaus möglich, sich eine Welt vorzustellen, die mit einer anderen Art von Landwirtschaft ernährungssicher sein könnte“, so Benton. Entscheidend sei dabei vor allem eines: Vielfalt – in Anbaumethoden, Kulturen und Strukturen.

Die Botschaft der Wissenschaft ist klar: Ernährungssicherheit ist keine rein agrarpolitische Frage, sondern ein zentrales Thema für Frieden und Stabilität weltweit. Angesichts eskalierender Klimarisiken und geopolitischer Spannungen bleibt wenig Zeit für halbherzige Maßnahmen.

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