Dieses Video wurde am 14.08.2026 von ZDFheute Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Jedes Jahr werden in Deutschland rund 400 Milliarden Euro vererbt – mehr als drei Viertel des gesamten Bundeshaushalts. Gleichzeitig erben 52,3 Prozent der Bevölkerung gar nichts. Die Erbschaftssteuer steht deshalb im Zentrum einer hitzigen Gerechtigkeitsdebatte: Wer profitiert wirklich vom geltenden Steuerrecht, wer zahlt drauf – und entscheidet am Ende Leistung oder Herkunft über Wohlstand?
Milliardenerbschaften fast steuerfrei – eine evidente Ungerechtigkeit?
Das deutsche Erbschaftsteuerrecht sieht auf dem Papier progressive Steuersätze vor: Je höher das Erbe, desto höher der Steuersatz. In der Praxis kehrt sich dieses Prinzip jedoch bei besonders großen Vermögen um. Kevin Kühnert, früherer SPD-Generalsekretär und heute bei der Bürgerbewegung Finanzwende, macht auf eine zentrale Ungleichheit aufmerksam: Ab einer Erbschaft von rund 26 Millionen Euro – sofern es sich um Unternehmensanteile handelt – greift die sogenannte Verschonungsbedarfsprüfung. Das Ergebnis: Multimillionäre und Milliardäre gehen mit durchschnittlichen Steuersätzen von lediglich 2 bis 3 Prozent aus der Erbschaft heraus, während mittelgroße Erbschaften den Großteil des Steueraufkommens tragen.
Kühnert verweist auf konkrete Zahlen: In einem Jahr wurden bundesweit nur 45 Fälle dokumentiert, in denen diese Verschonungsregelung zur Anwendung kam – mit einem Gesamtvolumen von mehreren Milliarden Euro, die nahezu steuerfrei den Besitzer wechselten. Hinzu kommt: Mit aggressiver, grenzüberschreitender Steuergestaltung lässt sich die effektive Steuerbelastung auf unter 1 Prozent drücken – ein Wert, den selbst Kritiker des Steuerstaates als nicht legitim bezeichnen.
Unternehmensnachfolge: Steuerpflicht als Insolvenzrisiko?
Aus Sicht der Unternehmerin Andrea Thoma Böck, die ein Familienunternehmen in dritter Generation mit 120 Mitarbeitern führt, ist die Debatte grundlegend falsch gestellt. Eine höhere Erbschaftsbesteuerung von Betriebsvermögen sei kein Gerechtigkeitsinstrument, sondern ein wirtschaftspolitisches Risiko.
- Unternehmenswerte stecken in Maschinen, Immobilien und stillen Reserven – nicht auf Konten.
- Eine Vollbesteuerung des Betriebsvermögens würde viele Erben in die Insolvenz treiben.
- Bereits heute finden viele Unternehmen keine Nachfolger; höhere Steuern würden diesen Trend verstärken.
- Deutschland erlebt derzeit eine der höchsten Insolvenzraten der Nachkriegsgeschichte.
Wirtschaftswissenschaftler Professor Bernd Raffelhüschen teilt die wirtschaftliche Skepsis und plädiert dafür, die Erbschaftssteuer ganz abzuschaffen und durch einen Zuschlag bei der Einkommensteuer zu ersetzen. So ließen sich aufwendige Bewertungsverfahren für Betriebsvermögen vermeiden und Liquiditätsprobleme bei der Unternehmensnachfolge umgehen.
Vermögensverteilung: Wächst die Schere zwischen Arm und Reich?
Die Datenlage zeichnet ein klares Bild: Deutschland zählt mit 172 Milliardären so viele wie nie zuvor und belegt weltweit Platz vier. Gleichzeitig gilt jeder sechste Mensch im Land als armutsgefährdet – Tendenz steigend. Laut dem globalen Ungleichheitsbericht verzeichneten Multimillionenvermögen in den vergangenen 30 Jahren durchschnittliche Wertzuwächse von 8 Prozent jährlich – Größenordnungen, die für Normalverdienende strukturell unerreichbar sind.
Die OECD bestätigt: Deutschland ist ein Hochsteuerland bei Einkommen, aber ein Niedrigsteuerland bei Vermögenswerten. Nur etwa 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts fließen als vermögensbezogene Steuern zurück – ein im internationalen Vergleich außerordentlich niedriger Wert. Während Beschäftigte hohe Lohnsteuern und Sozialabgaben zahlen, bleibt Kapitalvermögen steuerlich weitgehend verschont.
Soziale Aufstiegschancen: Herkunft als Schicksal?
Nur jedes zehnte Kind aus armen Verhältnissen schafft in Deutschland den sozialen Aufstieg. Natalia Nepomaz, 1989 in Kiew geboren, mit Hartz IV aufgewachsen und ohne Abitur, absolvierte später einen Master in internationalen Beziehungen in Großbritannien mit Auszeichnung. Sie gründete die Organisation Netzwerkchancen, die über 4.000 Mitglieder unterstützt, und ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.
Ihre Kernbotschaft: Talent ist gleichmäßig verteilt, Chancen sind es nicht. Sie fordert, Kinder nicht bereits nach der Grundschule aufzuteilen, sondern – wie in Ländern mit geringerer Bildungsungleichheit – bis zur neunten Klasse gemeinsam zu unterrichten, verbunden mit individueller Förderung. Eine Quote für soziale Aufsteiger in Führungspositionen hält sie für diskussionswürdig, auch wenn Unternehmerin Thoma Böck und Ökonom Raffelhüschen Quoten grundsätzlich ablehnen.
Die Debatte um Erbschaftssteuer und soziale Gerechtigkeit ist letztlich eine über die Grundfragen des Gesellschaftsvertrags: Wie viel Ungleichheit verträgt eine Demokratie? Ob das Bundesverfassungsgericht die bestehenden Verschonungsregelungen für Betriebsvermögen kippt, könnte die politische Diskussion noch in diesem Jahr neu entfachen – und den Gesetzgeber zu einer längst überfälligen Reform zwingen.
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