Dieses Video wurde am 20.08.2026 von tagesschau auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Der aktuelle DGB-Ausbildungsreport zeichnet ein alarmierendes Bild: Inflation, steigende Mieten und wachsender Leistungsdruck machen Auszubildenden in Deutschland zunehmend zu schaffen. Mehr als die Hälfte aller Azubis gibt an, sich psychisch belastet zu fühlen – ein Befund, der Gewerkschaften, Betriebe und Politik gleichermaßen zum Handeln auffordert.
Mehr als 50 Prozent der Azubis psychisch belastet
Laut DGB-Ausbildungsreport 2026 berichten 50,6 Prozent der befragten Auszubildenden von psychischer Belastung. Das ist ein signifikanter Wert, der die strukturellen Probleme im deutschen Ausbildungssystem offenlegt.
Die häufigsten Belastungsfaktoren sind dabei vielschichtig:
- Die finanzielle Situation durch zu niedrige Ausbildungsvergütungen
- Die Wohnsituation, vor allem in Ballungsräumen mit angespanntem Wohnungsmarkt
- Leistungs- und Zeitdruck im Ausbildungsalltag
Die Kombination dieser Faktoren setzt gerade jungen Menschen zu Beginn ihres Berufslebens stark zu – einer Phase, in der Stabilität und Förderung eigentlich besonders wichtig wären.
Geringe Vergütung lässt wenig Spielraum
Exemplarisch für viele Auszubildende steht Dier Grabau, die im zweiten Lehrjahr zur Schreinerin ausgebildet wird – in Meersburg am Bodensee. Rund 1.000 Euro brutto erhält sie monatlich. Das Geld reiche zum Leben, sagt sie, aber nur mit striktem Haushaltsmanagement.
Nebenkosten, Fahrtkosten und Materialausgaben während der Ausbildung selbst fressen einen erheblichen Teil des Einkommens auf. Viele Azubis müssen bereits beim wöchentlichen Einkauf abwägen, welche Produkte sie sich leisten können und wo sie Abstriche machen.
Dieses Spannungsfeld zwischen notwendiger Qualifizierung und wirtschaftlicher Not ist kein Einzelfall, sondern spiegelt eine systemische Schieflage wider, auf die der DGB seit Jahren hinweist.
Baden-Württemberg plant Streichung von Wohnzuschüssen
Besonders brisant ist die Lage in Baden-Württemberg. Das Land erwägt, in bestimmten Ausbildungsberufen Wohnzuschüsse zu kürzen oder ganz zu streichen. Für betroffene Azubis könnte das einen Verlust von bis zu 3.000 Euro pro Jahr bedeuten – ein erheblicher Einschnitt für Menschen, die ohnehin knapp kalkulieren müssen.
Kritiker sehen darin ein fatales Signal: Gerade dann, wenn sich wieder mehr junge Menschen für eine Ausbildung im Handwerk entscheiden, würden solche Einschnitte das Interesse an dualen Ausbildungsberufen wieder bremsen. Handwerksbetriebe und Gewerkschaften warnen gemeinsam vor diesem Schritt.
Für viele Betriebe in strukturschwachen Regionen und ländlichen Gebieten ist die Nachwuchsgewinnung ohnehin eine der größten Herausforderungen. Kürzungen bei Unterstützungsleistungen verschärfen dieses Problem zusätzlich.
Ausblick: Handlungsbedarf für Politik und Betriebe
Der DGB-Ausbildungsreport macht deutlich, dass strukturelle Reformen dringend nötig sind – sowohl bei der Vergütung als auch bei der sozialen Absicherung von Auszubildenden. Steigende Lebenshaltungskosten und ein angespannter Wohnungsmarkt machen es für viele Jugendliche schwieriger, eine Ausbildung überhaupt finanziell durchzuhalten.
Für das duale Ausbildungssystem, das als Rückgrat der deutschen Fachkräftesicherung gilt, steht viel auf dem Spiel. Wenn junge Menschen eine Ausbildung aufgeben oder erst gar nicht beginnen, weil sie sich das Leben dabei nicht leisten können, verschärft sich der Fachkräftemangel in vielen Branchen weiter. Politik, Arbeitgeber und Gewerkschaften sind gefordert, gemeinsam Lösungen zu entwickeln – bevor aus finanziellem Druck ein strukturelles Problem für den gesamten Ausbildungsmarkt wird.
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