Demenzpflege: Zwei Wege, ein Ziel – Würde

Dieses Video wurde am 16.08.2026 von DW News auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.

Mehr als 12 Millionen Menschen in Europa leben mit Demenz – und die Zahl wächst rasant. Bis 2050 soll sie auf knapp 20 Millionen steigen, ein Anstieg von 64 Prozent. Angesichts dieser Zahlen gewinnt die Frage, wie eine würdevolle Demenzpflege aussehen kann, immer größere Bedeutung. Zwei Einrichtungen – eine in Südfrankreich, eine in Deutschland – verfolgen dabei grundverschiedene Ansätze: aktive Förderung auf der einen, konsequente Selbstbestimmung auf der anderen Seite. Beide eint jedoch das gleiche Ziel: Menschen mit Demenz ein Leben in Würde zu ermöglichen.

Das Alzheimer-Dorf in Dax: Leben wie zu Hause

Das Village Landais Alzheimer im südwestfranzösischen Dax öffnete im Jahr 2020 als Frankreichs erstes und bislang einziges Alzheimer-Dorf. Auf dem Gelände leben 120 Bewohnerinnen und Bewohner in eigenen Wohnkomplexen. Sie können sich frei bewegen, einen kleinen Salon besuchen, die Bibliothek nutzen oder im Supermarkt einkaufen.

Das Pflegepersonal trägt bewusst keine Dienstkleidung. Statt Kittel und Abzeichen bestimmen normale Alltagskleidung und soziale Interaktion den Ton. Freiwillige und Angehörige sind ausdrücklich in den Alltag eingebunden. Die Leiterin des Pilotprogramms, Cécile Bertin, ist überzeugt: Geschlossene Einrichtungen können kognitive Einschränkungen verschlimmern. Licht, Farbe, Natur und das Zwitschern von Vögeln sollen Angst reduzieren und Geborgenheit vermitteln.

Täglich werden den Bewohnerinnen und Bewohnern Aktivitäten angeboten – von Pétanque bis hin zu Fahrradtouren auf Ergometern. Physiotherapeutin Coralie Béranger betont dabei: Nicht sportliche Leistung zählt, sondern der Erhalt vorhandener Fähigkeiten. „Ich glaube, das ist genau das, was diese Krankheit braucht – Freude und Spaß.“

Die „Faulenzer-Lounge“ in Mahl: Selbstbestimmung als Therapie

Ganz anders der Ansatz der deutschen Einrichtung, die sich sinngemäß als Faule Lounge übersetzen lässt. Seit ihrer Gründung im Jahr 2023 gilt hier ein ungewöhnliches Prinzip: Bewohnerinnen und Bewohner dürfen selbst entscheiden, wann und ob sie frühstücken, ob sie aufstehen oder einfach liegenblieben.

Einrichtungsleiter Christian Löbel erklärt, dass dieses Konzept Fingerspitzengefühl erfordert. Bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz sind Entscheidungen von vor fünf Minuten möglicherweise nicht mehr gültig – das Team muss permanent neu einschätzen, was gerade stimmt.

Die Einrichtung verfügt über kein größeres Budget als vergleichbare Pflegeheime. Dennoch zeigt das Konzept messbare Erfolge:

  • Herausforderndes Verhalten konnte durch Akzeptanz statt Korrektur deutlich reduziert werden.
  • Die Trennung von Bewohnern mit und ohne Demenz verringert Konflikte im Alltag.
  • Der langfristige Einsatz von Medikamenten wurde spürbar gesenkt.
  • Das allgemeine Wohlbefinden der Betroffenen hat sich verbessert.

Löbel sieht die Herausforderung klassischer Pflegeheime darin, dass geistig rege Bewohnerinnen und Bewohner diejenigen mit Desorientierung ständig korrigierten – was Unruhe und Stress auslöse. Die Faule Lounge begegnet dem mit einem grundlegend anderen Umgang.

Alzheimer – eine globale Herausforderung mit enormen Kosten

Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz und macht 60 bis 70 Prozent aller Fälle aus. Die Krankheit lässt Nervenzellen im Gehirn absterben: Zunächst leiden Gedächtnis und Orientierung, später werden Sprache und vertraute Handlungen schwierig. Im Endstadium erkennen Betroffene selbst nahestehende Menschen nicht mehr.

Demenz ist weltweit die siebthäufigste Todesursache und ein zentraler Grund für die Notwendigkeit von Langzeitpflege. Die finanziellen Dimensionen sind enorm: 2019 beliefen sich die globalen Pflegekosten auf rund 1,1 Billionen Euro. Bis 2030 wird eine Verdopplung auf 2,4 Billionen Euro erwartet.

Das Alzheimer-Dorf in Dax kostet mit 184 Euro pro Tag rund 40 Prozent mehr als ein herkömmliches Pflegeheim. Die Mehrkosten übernimmt die regionale Gebietskörperschaft. Begleitforschung zeigt jedoch: Weil die meisten Bewohnerinnen und Bewohner bis zuletzt in der Einrichtung sterben – und nicht im kostenintensiven Krankenhaus –, spart das Dorf an anderer Stelle.

Würde als Maßstab moderner Pflege

Weltweit werden Menschen mit Demenz in Pflegeheimen noch immer fixiert oder sediert – ihr Recht auf Selbstbestimmung systematisch übergangen. Beide hier vorgestellten Einrichtungen setzen bewusst dagegen.

Gaëlle Marie Bayeul, Fachärztin für die Versorgung älterer Menschen mit neurologischen Erkrankungen und medizinische Koordinatorin des Alzheimer-Dorfes, bringt es auf den Punkt: „Es geht nicht zwingend darum, das Leben zu verlängern, sondern darum, die verbleibende Lebensqualität zu verbessern.“ Dazu gehöre auch das Recht, zu fallen, umherzuwandern und ein Leben zu führen, das nicht steril und durchgetaktet ist.

Für eine Bewohnerin in Dax ist Glück ein Strauß Blumen aus dem Garten. Für eine andere in Mahl ist es ihre Puppe Anna. Ob durch strukturierte Aktivierung oder radikale Gelassenheit – beide Modelle zeigen, dass Demenzpflege neu gedacht werden kann und muss. Angesichts der demografischen Entwicklung wird das kein Nischenthema bleiben.

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