Dieses Video wurde am 21.08.2026 von tagesschau auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Im Zementwerk des Baustoffkonzerns Holcim in der Region Hannover ist eine wegweisende Pilotanlage zur CO2-Abscheidung offiziell in Betrieb genommen worden. Die Anlage soll bis zu 10.000 Tonnen Kohlenstoffdioxid pro Jahr aus den Produktionsabgasen herausfiltern – ein erster Schritt hin zu einer klimaneutralen Zementproduktion. Das Projekt gilt als technologisches Novum, denn vergleichbare Anlagen gibt es weltweit bisher kaum.
Das Problem: Zement und seine enorme CO2-Last
Zement gehört zu den klimaschädlichsten Industrieprodukten überhaupt. Grundlage der Produktion ist Kalkstein, der beim Brennen große Mengen CO2 freisetzt – ein chemisch unvermeidlicher Prozess. Allein das Holcim-Werk in der Hannover-Region stößt jedes Jahr rund 600.000 Tonnen CO2 aus.
Das macht die Zementindustrie zu einem der schwierigsten Sektoren auf dem Weg zur Klimaneutralität. Effizienzverbesserungen und erneuerbare Energien allein können das Problem nicht lösen, weil ein Großteil der Emissionen direkt aus dem chemischen Prozess stammt – nicht aus der Energieversorgung.
Genau hier setzt die neue Pilotanlage an: Statt das CO2 in die Atmosphäre zu entlassen, soll es abgetrennt und weiterverwendet werden.
Innovative Membrantechnik als Herzstück der Anlage
Das technische Verfahren basiert auf dem Einsatz spezieller Membranen. Das CO2-haltige Abgas wird durch diese Membranen in Rohrleitungen gefiltert, wobei das Kohlenstoffdioxid selektiv zurückgehalten und konzentriert wird. Am Ende des Prozesses entsteht hochreines CO2, das von anderen Industriezweigen – etwa der Lebensmittel- oder Chemieindustrie – weiterverarbeitet werden kann.
Damit unterscheidet sich das Holcim-Projekt von vergleichbaren Vorhaben, etwa in Norwegen, wo andere Abscheidetechnologien eingesetzt werden. Die Membrantechnik gilt als besonders wartungsarm und potenziell skalierbar.
Zu den zentralen Zielen der Pilotphase zählen laut Betreiber:
- Abscheidung von bis zu 10.000 Tonnen CO2 jährlich
- Analyse der CO2-Qualität und des anfallenden Kondensats
- Sammlung von Betriebserfahrungen für den späteren Großanlagenbau
- Entwicklung eines geschlossenen CO2-Kreislaufs mit industrieller Weiternutzung
Beteiligte Technologieentwickler betonen, dass neben der Abscheidung die Rückführung des CO2 in industrielle Kreisläufe ebenso wichtig sei wie der schonende Umgang mit der Umwelt.
Kritik und Skepsis aus dem Umweltbereich
Nicht alle Beobachter teilen den Optimismus der Betreiber. Der Umweltverband BUND äußert Bedenken, dass solche Verfahren in absehbarer Zeit nur geringe, klimapolitisch wenig relevante Mengen CO2 aufbereiten könnten. Die Befürchtung lautet, dass Carbon Capture-Technologien als Ablenkung von tiefgreifenderen Strukturveränderungen dienen könnten.
Tatsächlich zeigt ein Blick auf die Zahlen das Missverhältnis: 10.000 Tonnen abgeschiedenes CO2 stehen 600.000 Tonnen Gesamtemissionen des Werkes gegenüber – also weniger als zwei Prozent. Die Pilotanlage ist damit zunächst ein Lern- und Erprobungsprojekt, kein Klimaschutzinstrument im großen Maßstab.
Langfristiger Fahrplan: Klimaneutrale Zementproduktion bis 2035?
Holcim gibt sich langfristig ehrgeizig. In rund zehn Jahren soll eine deutlich größere Anlage in Betrieb gehen, die etwa 200.000 Tonnen CO2 pro Jahr abscheidet. Das wäre ein Drittel der heutigen Gesamtemissionen des Standorts. Das erklärte Fernziel ist eine vollständig klimaneutrale Zementproduktion.
Ob dieser Plan realistisch ist, hängt von technischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Faktoren ab – darunter die Verfügbarkeit von CO2-Transportinfrastruktur, industriellen Abnehmern für das abgeschiedene Gas sowie staatliche Förderung für solche Investitionen.
Die Inbetriebnahme der Pilotanlage in Hannover ist ein Signal, dass die Zementbranche die Dekarbonisierung ernst nimmt. Die entscheidende Frage wird sein, ob die gewonnenen Erkenntnisse schnell genug in industriellen Maßstab übertragen werden können, um einen messbaren Beitrag zu den Klimazielen zu leisten.
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