Bahnsanierung: Bilger will Milliarden in Schiene stecken

Dieses Video wurde am 20.08.2026 von tagesschau auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.

Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) steht unter Druck: Die Deutsche Bahn kämpft mit chronischen Verspätungen, maroder Infrastruktur und einer enttäuschenden Bilanz nach den ersten Korridorsanierungen. Im Interview bei maischberger legte Bilger dar, wie er die Bahnsanierung entschlossen vorantreiben will – und räumte gleichzeitig ein, dass Deutschland jahrzehntelang zu wenig in die Schiene investiert hat.

Jahrzehntelanger Investitionsstau bei der Bahn

Dass Deutschland im europäischen Vergleich bei der Bahnfinanzierung weit zurückliegt, belegte Bilger mit konkreten Zahlen. Während die Schweiz seit 1995 durchgehend weitaus mehr pro Kopf in ihr Schienennetz investierte, hinkte Deutschland massiv hinterher. In Bilgers eigenen Jahren als parlamentarischer Staatssekretär unter Minister Andreas Scheuer (2018–2021) investierte die Schweiz rund 365 Euro pro Kopf, Deutschland lediglich 77 Euro.

Auch zuletzt war die Lücke erheblich: Die Schweiz gab 2024 rund 500 Euro pro Kopf für die Bahn aus, Deutschland hingegen nur 220 Euro. Bilger räumte ein, dass man „zu lange nicht gut genug“ gewesen sei – betonte aber, der Grund sei in seiner Amtszeit weniger fehlendes Geld als vielmehr zu langsame Planung und Umsetzung gewesen.

Jetzt soll sich das ändern: Laut Bilger stehen in einem Fünf-Jahres-Zeitraum mehr als 80 Milliarden Euro allein für die Schieneninfrastruktur zur Verfügung – so viel wie nie zuvor.

Korridorsanierung: Ergebnisse weit hinter den Erwartungen

Das neue Konzept der Korridorsanierung – bei dem wichtige Strecken für Monate komplett gesperrt und umfassend erneuert werden – hatte sich die Bahn viel davon versprochen. Die Realität ernüchterte jedoch. Die Strecke Hamburg–Berlin, nach monatelanger Vollsperrung wiedereröffnet, erreichte im ersten Monat nur eine Pünktlichkeitsquote von 25 Prozent, im zweiten Monat immerhin 40 Prozent.

Bilger bezeichnete dies als „absolut nicht in Ordnung“ und kündigte an, das Konzept der Korridorsanierung grundlegend zu überprüfen. Auch Bahnchefin Katherina Reiche habe inzwischen eingestanden, dass Veränderungen nötig seien, damit Sanierungen tatsächlich zu messbaren Verbesserungen führen.

  • Hamburg–Berlin: nur 25 % Pünktlichkeit im ersten Monat nach Wiedereröffnung
  • Milliardeninvestitionen ohne spürbare Verbesserung für Fahrgäste sind inakzeptabel
  • Bilger will Korridorsanierungen neu bewerten und das Konzept anpassen
  • Klare Zielvorgaben für Bahnmanager und Konsequenzen bei Nichterreichen

Boni-Skandal und Digitalisierung der Schiene

Für Empörung sorgte die Enthüllung, dass Bahn-Manager 2025 100 Prozent ihrer Boni ausgezahlt bekommen haben – obwohl das vereinbarte Pünktlichkeitsziel von 67,5 Prozent kaum den Ansprüchen moderner Mobilität genügt. Bilger erklärte, das sei für ihn „inakzeptabel“. Wer Steuerzahlergeld in Milliardenhöhe erhalte, müsse klare Ziele erfüllen. Würden diese nicht erreicht, müsse sich das direkt auf die Vergütung der Manager auswirken.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Digitalisierung der Schiene. Das Prinzip: Durch digitale Steuerungssysteme können Zugfolgen verdichtet und Strecken effizienter genutzt werden – ohne zusätzliche Gleise bauen zu müssen. Deutschland gilt bei dieser Technologie europaweit als führend. Allerdings kämpft das Vorzeigeprojekt Stuttgart 21, das als erster digitaler Bahnknoten entstehen soll, mit erheblichen Rückschlägen. Bereits verlegte Kabel mussten wegen Planungsfehlern auf vielen Kilometern wieder zurückgebaut werden. Die Gesamtkosten des Projekts sind inzwischen auf rund 14,5 Milliarden Euro gestiegen.

Für den Übergangszeitraum, in dem noch alte und neue Signalanlagen parallel betrieben werden müssen, verteidigte Bilger den vorübergehenden Einsatz älterer Technik. Langfristig soll das Netz vollständig auf digitale Steuerung umgestellt werden – ein gesamteuropäisches Projekt.

PKW-Maut, Klimaschutz und Ausblick

Eine Wiedereinführung der PKW-Maut schloss Bilger klar aus – sie sei kein Teil des Koalitionsvertrags und politisch nach dem gescheiterten, 243 Millionen Euro teuren Versuch unter Ex-Minister Scheuer „verbrannt“. Als Einnahmequelle bleibt die bewährte LKW-Maut, die jährlich rund 13 Milliarden Euro einbringt. Zusätzlich will Bilger privates Kapital für die Infrastruktur mobilisieren.

Beim Klimaschutz im Verkehr sieht Bilger die Investitionen in die Schiene als wichtigsten Hebel – ergänzt durch den Hochlauf der Elektromobilität und alternative Antriebe beim Güterverkehr. Ein generelles Tempolimit auf Autobahnen lehnte er ab; stattdessen setzt er auf intelligente Telematiklösungen, die Geschwindigkeiten situationsabhängig regeln.

Bis zur nächsten Bundestagswahl 2029 hat sich Bilger das Ziel gesetzt, dass Bahnfahrerinnen und Bahnfahrer eine spürbare Verbesserung wahrnehmen – und das Vertrauen in die Bahn wächst. Ob die Milliarden schnell genug in verlässliche Züge umgemünzt werden können, wird die entscheidende Frage seiner Amtszeit sein.

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