Dieses Video wurde am 02.09.2026 von DW News auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
An einem einzigen Dienstag erschütterten gleich mehrere Vorfälle das Sicherheitsgefühl in Deutschland: Zunächst machte die Bundesregierung Russland für einen versuchten Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig im August verantwortlich. Noch am selben Abend meldeten die Behörden zwei versuchte Anschläge auf das deutsche Stromnetz – einer in Brandenburg nahe Berlin, ein weiterer im nordrhein-westfälischen Bergheim bei Köln. Die Polizei leitete in beiden Fällen Ermittlungen ein, im brandenburgischen Fall ausdrücklich wegen des Verdachts auf eine Terrortat. Eine direkte Verbindung zu Russland besteht bislang nicht – ausländische Beteiligung wurde jedoch ebenfalls nicht ausgeschlossen.
Die zwei Sabotageakte im Detail
Der erste Vorfall ereignete sich am frühen Dienstagmorgen in Brandenburg, im Osten Deutschlands nahe der polnischen Grenze. Unbekannte warfen brennbare Materialien in einen Elektro-Umspannwerk – laut dem Netzbetreiber handelte es sich um Gegenstände, die Silvesterfeuerwerk ähneln. Trotz des Schadens blieb die Stromversorgung in der Region stabil.
Der zweite Vorfall trat am Dienstagabend in Bergheim bei Köln auf. Zunächst als technischer Kurzschluss gemeldet, stufen die Ermittler den Vorfall inzwischen als vorsätzliche Tat ein. Fünf angeschlossene Kohlekraftwerkseinheiten mussten vorübergehend vom Netz genommen werden, sollen aber binnen weniger Tage wieder in Betrieb gehen. Zu einem flächendeckenden Stromausfall kam es nicht.
Brandenburgs Innenminister bezeichnete den ersten Angriff als „systemische Operation“ und schloss ausdrücklich aus, dass es sich um einen Jugendstreich handeln könnte. Ermittelt wird nun wegen des Verdachts auf eine Terrortat sowie wegen eines möglichen Angriffs auf die verfassungsmäßige Ordnung.
Wer steckt hinter den Angriffen?
Die Behörden halten bislang alle Spuren offen. Drei mögliche Täterkreise werden diskutiert:
- Linksextremistische Gruppen: In der Vergangenheit hat die sogenannte Vulkan-Gruppe Sabotageakte auf Infrastruktur in der Region Berlin-Brandenburg für sich beansprucht – darunter einen Anschlag auf einen Strommast nahe dem Tesla-Werk in Grünheide und einen Brand, der im Januar tausende Berliner Haushalte stundenlang ohne Strom ließ.
- Ausländische staatliche Akteure: Der zeitliche Zusammenhang mit der deutschen Anschuldigung gegen Russland wegen des Drohnenangriffs auf den Flughafen Leipzig lässt Fragen aufkommen, auch wenn bislang keinerlei Beweise vorliegen.
- Unbekannte Dritte: Es liegen keine Bekennerschreiben vor; Ermittler schließen weitere, bisher unidentifizierte Akteure nicht aus.
Wie verwundbar ist Deutschlands kritische Infrastruktur?
Professor Dr. Alexander Fete von der Technischen Hochschule Köln, der zu kritischer Infrastruktur und zivilem Schutz forscht, betont, dass Deutschland aufgrund seiner zentralen Lage in Europa, seiner Bevölkerungsgröße und seiner politischen Bedeutung ein besonders exponiertes Ziel darstellt. Erschwerend kommt hinzu, dass rund 80 Prozent der Infrastruktur in privater Hand liegen.
Fete sieht strukturelle Schwächen im föderalen System: Mit 16 Bundesländern und unterschiedlichen Zuständigkeiten falle es Angreifern leichter, gezielt Lücken in der Vorbereitung auszunutzen. Zwar gebe es Pläne, Übungen und Förderprogramme, doch mangele es bisweilen an gesetzlichem Rückhalt und politischem Willen zur Umsetzung konkreter Schutzmaßnahmen.
Im März verabschiedete der Bundestag ein neues KRITIS-Dachgesetz, das erstmals einen bundesweit einheitlichen Rahmen für den Schutz kritischer Infrastruktur schafft. Es verpflichtet Betreiber unter anderem zur genauen Identifikation schützenswerter Anlagen sowie zur Einführung von Mindestschutzmaßnahmen – darunter physische Absicherung und Notfallpläne.
Hybridkrieg: Die unsichtbare Front
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt fasste die Lage prägnant zusammen: „Wir befinden uns nicht im Krieg, aber wir sind täglich das Ziel von hybridischer Kriegsführung.“ Professor Fete bestätigt diese Einschätzung. In der deutschen Verteidigungsplanung ist eine Phase hybrider Bedrohung – bestehend aus Desinformation, Propaganda und verdeckten Angriffen auf Infrastruktur – offiziell als Vorstufe eines konventionellen Konflikts definiert.
Das Tückische an hybrider Kriegsführung: Sie zielt darauf ab, Unsicherheit zu erzeugen und die Gesellschaft zu spalten – besonders in politisch sensiblen Zeiten wie Wahlkämpfen. Eindeutige Beweise sind schwer zu erlangen, die Reaktion ist innenpolitisch heikel. Während die Ukraine seit Jahren täglich Angriffe auf ihre Infrastruktur erlebt und entsprechende Resilienz aufgebaut hat, fehlt Deutschland dieser erzwungene Erfahrungsschatz.
Die Vorfälle vom Dienstag dürften die politische Debatte über den Schutz kritischer Infrastruktur in Deutschland neu entfachen. Ob das neue KRITIS-Dachgesetz ausreicht und wie schnell es in der Praxis Wirkung entfaltet, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Die Ermittlungen zu den beiden Sabotageakten laufen – erste belastbare Ergebnisse könnten noch Wochen auf sich warten lassen.
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