AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt: Was kommt jetzt?

Dieses Video wurde am 07.09.2026 von DW News auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.

Die AfD Sachsen-Anhalt hat bei der Landtagswahl ein historisches Ergebnis eingefahren: 43,8 Prozent der Stimmen entfielen auf die Partei – mehr als doppelt so viel wie bei der vorherigen Wahl. Damit wird die AfD mit Abstand stärkste Kraft im neuen Landtag, verfehlt jedoch die absolute Mehrheit knapp. Die CDU stürzte von 37 auf 17 Prozent ab, und Bundeskanzler Friedrich Merz zeigte sich nach der Wahl „zutiefst schockiert“. Das Ergebnis hat nicht nur Sachsen-Anhalt, sondern ganz Deutschland und die internationale Gemeinschaft aufgerüttelt.

Das Wahlergebnis im Überblick

Der neue Landtag in Sachsen-Anhalt umfasst 83 Sitze. Die Verteilung zeigt das dramatische Kräfteverhältnis:

  • AfD: 39 Sitze (43,8 Prozent)
  • CDU: 15 Sitze (rund 17 Prozent)
  • SPD, Grüne und Linke: je 8 Sitze
  • BSW: 5 Sitze (knapp über der 5-Prozent-Hürde)

Für eine Regierungsmehrheit benötigt die AfD 42 Sitze – ihr fehlen also lediglich drei Mandate. Damit steht die Partei so nah an einer Regierungsbeteiligung wie nie zuvor in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Warum die AfD so stark gewann

Wahlforschungsexperte Roland Abu vom Institut Infratest Dimap nennt mehrere Ursachen für den Erdrutschsieg. Erstens herrsche unter den Wählerinnen und Wählern in Sachsen-Anhalt eine tiefe Enttäuschung über die Bundesregierung und Kanzler Merz persönlich. Zweitens werde der AfD bei den zentralen Themen des Wahlkampfs – Migration, wirtschaftliche Entwicklung und innere Sicherheit – die höchste Kompetenz zugesprochen.

Drittens profitierte die AfD diesmal von einem starken Spitzenkandidaten: Ulrich Siegmund lieferte einen fehlerfreien Wahlkampf, während der amtierende CDU-Ministerpräsident Sven Schulze es nicht gelang, unentschlossene Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren. Abu betont: „Das war kein reiner Protestwahlkampf – die AfD hat mit konkreten Positionen überzeugt.“

Bemerkenswert ist auch die Wahrnehmung der Partei in der Bevölkerung: Rund 90 Prozent der AfD-Wähler sehen ihre Partei als Kraft der Mitte, nicht als rechtsextreme Organisation – obwohl der Verfassungsschutz die AfD in Sachsen-Anhalt als „rechtsextremistisch“ eingestuft hat. Zudem halten knapp zwei Drittel aller Befragten im Land die sogenannte Brandmauer der anderen Parteien gegenüber der AfD für falsch.

Die Brandmauer steht unter Druck

Die CDU hat unter Friedrich Merz eine klare Linie ausgegeben: keine Zusammenarbeit mit der AfD – weder formal noch informell. Diese Brandmauer-Politik steht nach dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt vor ihrer bisher härtesten Belastungsprobe.

Denn die AfD ist nur drei Abgeordnete von einer Regierungsmehrheit entfernt. Siegmund hat offen signalisiert, dass er auf Überläufer aus anderen Fraktionen hofft. Einzelne CDU-Politiker haben sich bisher weniger kategorisch als die Parteiführung zu einer Ablehnung von Kooperationen geäußert. Sollten CDU-Abgeordnete einer AfD-geführten Landesregierung den Weg bereiten, wäre das nach Einschätzung von Beobachtern ein schwerer politischer Schlag für Merz.

Rechtsextremismus-Experte Johannes Kiess von der Universität Leipzig sieht auch beim Kanzler selbst Mitschuld am Absturz: Merz habe Wählerinnen und Wähler wiederholt brüskiert und die Kluft zwischen der politischen Elite in Berlin und der Bevölkerung vergrößert.

Koalitionsoptionen und nationaler Ausblick

Die Regierungsbildung in Magdeburg dürfte kompliziert werden. Mehrere Szenarien sind denkbar:

  • Die AfD wirbt gezielt um Überläufer aus anderen Fraktionen, um die fehlenden drei Sitze zu gewinnen.
  • Das BSW – die linkskonservative Abspaltung der Linkspartei – könnte die AfD tolerieren oder eine Koalition mit ihr eingehen.
  • Alle übrigen fünf Parteien bilden gemeinsam ein Anti-AfD-Bündnis, was jedoch eine sehr heterogene und instabile Mehrheit ergäbe.

Auf Bundesebene sendet das Ergebnis ein deutliches Signal. AfD-Bundeschefin Alice Weidel erklärte, ihre Partei werde bei der nächsten Bundestagswahl „mit Abstand stärkste Kraft“ sein. In wenigen Wochen stehen weitere Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern an – schlechte Ergebnisse dort könnten die Position von Friedrich Merz innerhalb der CDU weiter schwächen. Wie Deutschland mit dem Erstarken der AfD umgeht, wird eine der zentralen politischen Fragen der kommenden Monate bleiben.

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