AfD in Sachsen-Anhalt: Liefers über Freiheit
Jan Josef Liefers diskutiert mit Lanz und Precht über die AfD in Sachsen-Anhalt, DDR-Erfahrungen, Meinungsfreiheit und den Verlust politischen Vertrauens.

Was würde eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt konkret bedeuten – für die Demokratie, für die Kultur, für das Lebensgefühl der Menschen im Osten Deutschlands? Diese Frage steht im Mittelpunkt eines Gesprächs zwischen Markus Lanz, dem Philosophen Richard David Precht und dem Schauspieler Jan Josef Liefers. Liefers, in Dresden geboren und aufgewachsen, bringt eine besondere Perspektive mit: Er hat die DDR erlebt, stand 1989 auf der Bühne der größten Demonstration in der Geschichte der DDR – und beobachtet heute mit Unbehagen, wie Freiheit erneut zum politischen Kampfbegriff wird.
AfD in Sachsen-Anhalt: Cesur für die gesamte Bundesrepublik
Rund 1,7 Millionen Wahlberechtigte sind in Sachsen-Anhalt aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Im Vergleich zu den über 60 Millionen Stimmen einer Bundestagswahl ist das eine vergleichsweise kleine Landtagswahl – und dennoch gilt sie vielen als politischer Wendepunkt. Denn zum ersten Mal ist eine AfD-geführte Landesregierung ein realistisches Szenario.
Liefers gibt sich dabei weniger apokalyptisch als mancher Kommentator. Er glaubt nicht an einen sofortigen demokratischen Zusammenbruch: „Die Demokratie ist keine alte Theaterkasse, die beim ersten Anstoß umkippt.“ Gleichzeitig räumt er ein, dass bestimmte Entwicklungen – etwa der Umbau des Rundfunks oder Veränderungen in Justiz und Polizei – durchaus besorgniserregend wären.
Was eine Landesregierung tatsächlich gestalten kann, ist begrenzt: Sie verfügt über Kompetenzen in Schule, Kultur, Medien und Polizei – aber keine Außenpolitik und nur eingeschränkt Migrationspolitik. Die konkreten Auswirkungen einer AfD-Regierung blieben deshalb im Gespräch bewusst nüchtern.
DDR-Erfahrung und der Freiheitsbegriff
Für Liefers ist Freiheit kein abstrakter Wert, sondern eine gelebte Erfahrung. In der DDR habe man früh gelernt, zu Hause anders zu reden als draußen – eine Form der inneren Spaltung, die er als „wahnsinnig anstrengend“ beschreibt. Die Erleichterung über das Ende dieses Zustands war für ihn enorm.
Umso irritierender findet er es, wenn Menschen aus dem Osten heute sagen, sie fühlten sich wieder an die DDR erinnert – wegen eines übergriffigen Staates, wegen Bevormundung, wegen des Drucks, bestimmte Meinungen nicht auszusprechen. Er zitiert das Zitat: „Freiheit, verloren und wieder erlangt, beißt mit schärferen Zähnen als Freiheit, die nie gefährdet war.“
Diese Sensibilität erkläre, warum gerade Ostdeutsche schneller auf bestimmte politische Signale reagierten. Nicht als Hinterweltler, sondern als Menschen mit einer sehr konkreten Erfahrung von Unfreiheit.
AfD-Wähler: Protest, nicht Ideologie
Liefers schildert seine Erfahrungen bei Dreharbeiten in Sachsen-Anhalt als geradezu gegensätzlich zu dem Bild, das medial oft gezeichnet wird. Die Menschen dort seien freundlich, hilfsbereit und neugierig gewesen – kein Hasstaumel, keine Abschottung.
Was er stattdessen wahrnahm:
- Das Gefühl, nicht gesehen und nicht gehört zu werden
- Den Eindruck, nach der Wiedervereinigung „zu kurz gekommen“ zu sein
- Frustration über immer dieselben politischen Gesichter ohne spürbare Veränderung
- Den Wunsch nach einer offenen Debatte ohne sofortige Stigmatisierung
- Die Sehnsucht nach einem Lebensgefühl – nicht nach einem historischen Zustand
Precht bringt das auf den Punkt: Die AfD liefere ein psychologisches Entlastungsangebot. Wer sage, ich fühle mich unwohl mit bestimmten Entwicklungen, solle nicht automatisch als Rassist abgestempelt werden. Das sei das eigentliche Versprechen von Rechtspopulisten – und die Reaktion auf einen großen Fehler der etablierten Parteien der vergangenen 15 Jahre.
Demokratie unter Druck – aber nicht nur durch die AfD
Eine der zentralen Thesen des Gesprächs: Die AfD ist Symptom, nicht Ursache. Precht beschreibt den „morschen Stamm der deutschen Eiche“ – strukturelle Probleme wie fehlende wirtschaftliche Perspektiven, den Verlust von Gemeinschaftsgefühl, die Folgen von Globalisierung und Digitalisierung. Die AfD sei der sichtbare Pilz auf diesem Stamm, aber nicht das eigentliche Problem.
Liefers ergänzt eine selbstkritische Note: Auch er habe sich in den vergangenen Jahrzehnten zu sehr in Komfort eingerichtet. Die besten Jahrzehnte der Menschheitsgeschichte – ohne Krieg, ohne Hunger, mit wachsendem Wohlstand – hätten viele eingeschläfert. Jetzt, wo sich die Verhältnisse ändern, fehle es an Gewöhnung an Kompromiss und Konflikt.
Was bleibt, ist eine nüchterne Einschätzung: Eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt würde zumindest zeigen, mit welcher Partei man es tatsächlich zu tun hat. Liefers formuliert es so: Besser, diese Frage kläre sich mit 1,7 Millionen Wählern im Land – als irgendwann im Bund. Ob die Partei danach in die Mitte rückt oder weiter nach rechts, sei offen. Aber die Antwort darauf könnte wertvoller sein als jede Prognose.
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