Dieses Video wurde am 07.05.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die AfD in Sachsen-Anhalt präsentiert sich vor der Landtagswahl so selbstbewusst wie nie. Spitzenkandidat Ulrich Sigmund füllt Säle mit bis zu 600 Besuchern und verspricht konkrete Antworten auf die drängendsten Probleme des Landes. Doch Politikwissenschaftler Christian Stecker bremst den Enthusiasmus mit einer zentralen Frage: Hat die AfD tatsächlich Lösungen – oder ist sie bislang lediglich besser im Benennen von Problemen? Ein Härtetest stand bisher aus, denn die Partei regierte noch nirgendwo allein.
Volle Säle und klare Botschaften: AfD mobilisiert in Sachsen-Anhalt
AfD-Spitzenkandidat Sigmund setzt im Wahlkampf auf direkte Ansprache und eine klare Kernbotschaft: Die etablierten Parteien würden an den wirklichen Problemen der Menschen vorbeipolitisieren. Statt Lösungen zu liefern, konzentrierten sie sich darauf, die AfD zu verhindern.
Zu den zentralen Forderungen der Partei gehören:
- Senkung der Energiepreise, um die Abwanderung von Industrie zu stoppen
- Priorität für innenpolitische Interessen vor globalen Verpflichtungen
- Konkrete Maßnahmen gegen den empfundenen gesellschaftlichen Wandel
Die Veranstaltungen der AfD sind laut Sigmund brechend voll – ein Zeichen, das er als Vertrauensbeweis der Bürgerinnen und Bürger wertet. Aktuellen Umfragen zufolge kommt die Partei in Sachsen-Anhalt auf Werte von rund 40 bis 42 Prozent – eine Stärke, die eine absolute Mehrheit rechnerisch möglich macht.
Hinter der Brandmauer: Kein Realitätstest für die AfD
Politikwissenschaftler Christian Stecker ordnet den Aufstieg der AfD nüchtern ein. Der entscheidende Punkt: Die Partei habe das „große Glück“ gehabt, stets hinter der sogenannten Brandmauer der anderen Parteien zu stehen – und wurde deshalb nie daran gemessen, ob ihre Versprechen in der Praxis umsetzbar sind.
„Hinter der Brandmauer kann man allerlei Fantasien entwickeln und Programmpunkte vorschlagen“, so Stecker. Am Ende sei Politik aber Realpolitik – und es stelle sich die Frage, was davon wirklich durchsetzbar ist. In Sachsen-Anhalt etwa wäre konkret zu klären, ob die AfD tatsächlich so tief in Universitäten oder Kirchen eingreifen würde, wie ihr Programm nahelegt.
Auf Bundesebene bleiben ebenfalls zentrale Positionen vage: zur Wehrpflicht, zum Verhältnis zu Donald Trump oder zur Rentenfinanzierung habe die Partei noch keine klaren Festlegungen getroffen.
AfD-Wähler: Protestmotiv überlagert Programm
Stecker betont, dass ein erheblicher Teil der AfD-Wählerinnen und -Wähler die Partei nicht wegen ihres inhaltlichen Programms wählt, sondern aus Unzufriedenheit mit der Bundespolitik. Viele dieser Wähler hätten früher CDU, SPD oder die Linkspartei gewählt – und seien keine ideologischen Rechtsaußen-Wähler.
Das sei ein demokratisches Dilemma: Eine Stimme gelte dem gesamten Programm einer Partei – auch dann, wenn sie primär als Protestsignal gemeint ist. Stecker plädiert deshalb nicht für eine Koalition mit der AfD, wohl aber dafür, deren Wählerinnen und Wähler politisch ernst zu nehmen und in den demokratischen Prozess einzubinden.
Union in der Zwickmühle: Abgrenzung ohne Strategie?
Für die CDU in Sachsen-Anhalt unter Ministerpräsident Sven Schulze zeichnet Stecker ein ernüchterndes Bild. Die konsequente Abgrenzung zur AfD – wie sie auch Bundeskanzler Friedrich Merz praktiziert – könnte langfristig nach hinten losgehen, wenn die AfD dadurch weiter wächst, ohne je Verantwortung übernehmen zu müssen.
Stecker spricht sich für flexible Mehrheiten im Parlament aus, wie sie in skandinavischen Demokratien üblich sind. Den aktuellen Weg der Union – eine enge Koalition mit der SPD trotz schwacher Umfragewerte beider Parteien – hält er für wenig rational. Sein Fazit ist eindeutig: Den Wahlkampf gegen die AfD in Sachsen-Anhalt verliere die CDU nicht vor Ort, sondern in Berlin.
Wie die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ausgeht, wird damit zum Test nicht nur für die AfD – sondern auch für die Strategie der gesamten demokratischen Opposition gegenüber einer Partei, die bislang jede Bewährungsprobe vermeiden konnte.
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