AfD und Rechtsinfluencer im Kampf um Jungwähler

Dieses Video wurde am 30.08.2026 von DW News auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.

Im Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt verfolgt die AfD eine doppelte Strategie: Nach außen gibt sie sich bürgernah und staatstreu, nach innen pflegt sie Kontakte zur rechtsextremen Szene. Der AfD-Spitzenkandidat könnte als erster Politiker einer teilweise als rechtsextrem eingestuften Partei das Amt eines Ministerpräsidenten in der Geschichte der Bundesrepublik übernehmen. Besonders im Fokus steht dabei die Ansprache junger Menschen – und der massive Einsatz sozialer Medien als Wahlkampfplattform.

Strukturschwache Region als Nährboden für Unzufriedenheit

In kleinen Städten wie Querfurt im Herzen Sachsen-Anhalts ist die Alltagsrealität junger Menschen von Perspektivlosigkeit geprägt. Jugendclubs fehlen, Unternehmen schließen oder verlagern ihren Sitz, und viele Gleichaltrige verlassen die Region auf der Suche nach besseren Möglichkeiten. Gleichzeitig ist die Arbeitslosenquote in der Region in den vergangenen 20 Jahren deutlich auf rund 8,6 Prozent gesunken – ein Fortschritt, der subjektiv kaum wahrgenommen wird.

Die Gespräche mit jungen Menschen vor Ort zeigen ein gemischtes Bild. Einige denken ernsthaft darüber nach, Deutschland zu verlassen. Andere berichten von konkreten Alltagssorgen:

  • Steigende Kraftstoff- und Lebensmittelpreise
  • Angespannter Wohnungsmarkt
  • Mangelnde Ausbildungsplätze und Jobperspektiven
  • Fehlende Freizeitinfrastruktur für Jugendliche
  • Das Gefühl, als Ostdeutsche in Deutschland als Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden

Dieser Nährboden aus realer und gefühlter Benachteiligung macht die Region empfänglich für populistische Botschaften – und die AfD weiß das gezielt zu nutzen.

AfD-Wahlkampf zwischen Bürgernähe und rechtsextremen Symbolen

Beim AfD-Familienfest in Querfurt präsentiert sich die Partei volksnah: Musik, Stände, Familien mit Kindern. Doch wer genauer hinschaut, sieht an den Rändern der Veranstaltung offen gezeigte Symbole aus der rechtsextremen Szene. Darunter die Schwarze Sonne, ein international mit Neonazis assoziiertes Symbol, sowie Kleidung von Marken, die in der rechten Szene weit verbreitet sind – Iron-Cross-Motive, germanische Runen, Szene-Slogans.

Der Spitzenkandidat zeigt keinerlei Berührungsängste mit diesen Gruppen: Er posiert für Fotos und verteilt Geschenke. Junge AfD-Sympathisanten distanzieren sich zwar teilweise verbal von solchen Symbolen, bleiben der Partei aber dennoch treu. Der stellvertretende Landesvorsitzende bekennt sich öffentlich zum Rechtsstaat – schlägt intern jedoch einen deutlich schärferen Ton an und verspricht seinen Anhängern eine „neue Ära“, sobald die Partei an der Macht sei.

Der Verfassungsschutz stuft den Landesverband als gesichert rechtsextremistische Organisation ein – wegen seiner rassistischen Ideologie.

Social Media als entscheidende Wahlkampfarena

Der eigentliche AfD-Wahlkampf für junge Menschen findet auf sozialen Netzwerken statt. Die Partei bespielt Plattformen wie Instagram, TikTok und YouTube mit einer Intensität, die etablierte Parteien weit hinter sich lässt. Unterstützung kommt dabei auch von parteinahen Streamern und Influencern, die Veranstaltungen live übertragen und so eine kostenlose Reichweite generieren.

Einer dieser Unterstützer – bekannt unter dem Pseudonym „Activist Man“ – hat wegen Volksverhetzung und Beleidigung Vorstrafen und verfügt dennoch über Hunderttausende Zuschauer. Er unterbricht journalistische Interviews, provoziert Gegner live im Stream und inszeniert politische Konfrontationen als Unterhaltungsformat. Der AfD-Spitzenkandidat lobt dessen Arbeit öffentlich und gibt ihm regelmäßig Interviews.

Auf der Gegenseite versucht ein Anti-AfD-Influencer mit über einer Million Instagram-Followern, junge Menschen über Rechtsextremismus aufzuklären. Die Begegnungen zwischen beiden Lagern vor laufender Kamera gleichen inszenierten Duellen – Politik wird zum Drama, Emotionen zur Währung der Aufmerksamkeit.

Einordnung: Testfall für Europas Rechtspopulismus

Sachsen-Anhalt könnte zu einem Testlabor für rechtspopulistische Regierungspolitik in Europa werden. Die AfD setzt auf die Entfremdung junger Menschen von den etablierten Parteien – und das mit erkennbarem Erfolg. Viele Erstwähler berichten, die Partei wenigstens einmal ausprobieren zu wollen, weil die übrigen Parteien in ihren Augen versagt haben.

Dabei verdeckt die inszenierte Nähe der AfD zur Bevölkerung eine entscheidende Realität: Rechtsextremisten, Neonazis und rechte Influencer sind keine Randerscheinung des Wahlkampfs – sie sind struktureller Bestandteil davon. Wie Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt im September abstimmen werden, dürfte weit über die Region hinaus Signalwirkung für den Zustand der deutschen Demokratie haben.

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