AfD und Kulturpolitik: Was Sachsen-Anhalt droht

Dieses Video wurde am 15.08.2026 von ZDFheute Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.

In Sachsen-Anhalt steht eine Landtagswahl an, bei der die AfD laut Umfragen auf über 40 Prozent kommt – und damit erstmals in Reichweite einer Regierungsbeteiligung. Besonders ihre Kulturpolitik sorgt für Alarm: Fördermittel sollen künftig nur noch fließen, wer ein schriftliches Bekenntnis zu Staat, Demokratie und „deutscher Kultur“ unterzeichnet. Künstler, Intendanten und Kulturinstitutionen laufen Sturm dagegen. Was genau die Partei plant, welche historischen Parallelen es gibt und wie die Kulturszene reagiert – ein Überblick.

AfD-Kulturpolitik: Patriotismus als Förderbedingung

Hans Thomas Tilschneider, stellvertretender AfD-Landesvorsitzender und maßgeblicher Autor des Wahlprogramms, bringt das Ziel auf eine knappe Formel: „Patriotismus fördern, kein Staatsgeld für antideutsche Kunst.“ Konkret bedeutet das: Wer Fördergelder des Landes erhalten will, soll künftig ein Bekenntnis zu deutschen Kulturwerten unterschreiben. Kunst, die sich „gegen ihr eigenes Deutschsein wende“, solle nicht mehr staatlich finanziert werden.

Tilschneider schränkt ein, es gehe ihm um „Auswüchse“ – etwa ein fiktives Theaterstück, in dem ein Hund auf die deutsche Flagge uriniere. Doch die Grenze bleibt bewusst unscharf. Ebenso will die AfD politisch kommentierenden Künstlern keine Förderung mehr gewähren, solange sie ihre Kritik im Rahmen geförderter Veranstaltungen äußern.

Viele große Kulturinstitutionen haben bereits erklärt, ein solches Bekenntnis unter keinen Umständen zu unterzeichnen. Die Folge wäre der Wegfall erheblicher Landesmittel – beim Theater Magdeburg etwa ein Drittel des Gesamtetats, was nach Einschätzung von Generalintendant Julian Schava den Verlust von bis zu 200 Arbeitsplätzen bedeuten würde.

Theater und Bauhaus: Ikonen unter Druck

Das Theater Magdeburg wurde zuletzt zum Theater des Jahres gekürt und verkauft so viele Tickets wie nie zuvor. Intendant Schava warnt dennoch vor dem, was er „ökonomische Zensur“ nennt: Statt Stücke formal zu verbieten – was verfassungsrechtlich kaum möglich wäre – würde eine AfD-Regierung schlicht den Geldhahn zudrehen. Internationale Koproduktionen, experimentelles Musiktheater, spartenübergreifende Produktionen – genau das, was das Haus groß gemacht hat, stünde zur Disposition.

Ähnlich angespannt ist die Lage beim Bauhaus Dessau, dem Weltkulturerbe und Symbol der klassischen Moderne. Die AfD bezeichnet das Bauhaus in ihrem Wahlprogramm als „Zeichen einer Identitätsstörung“ und als untaugliche Imagekampagne für das Land. Bauhausdirektorin Barbara Steiner erkennt darin eine bewusste politische Instrumentalisierung:

  • Die Nazis schlossen das Bauhaus 1932 als „entartet“ und „undeutsch“.
  • Die AfD knüpft heute mit dem Begriff „Irrweg der Moderne“ an ähnliche Narrative an.
  • Steiner sieht einen ausgrenzenden Kern: Die Frage „Wer gehört dazu?“ beantworte die AfD sehr eindeutig – zulasten vieler.
  • Der Austausch zwischen Kulturinstitutionen sei deshalb so intensiv wie nie zuvor.

Beim Open-Air-Sommertheater am Domplatz Magdeburg zeigt sich die praktische Absurdität: 22.000 Zuschauer kamen allein 2024 zum Musical „Oklahoma“, 18 Shows waren ausverkauft. Würde die Förderung für Unterhaltungsformate gestrichen, gingen laut Intendant rund 80 Prozent des Publikums verloren.

Historische Parallelen: Was vor knapp 100 Jahren geschah

Die Sorgen der Kulturschaffenden speisen sich nicht nur aus dem Wahlprogramm, sondern aus der Geschichte. Im Mai 1932 wurde in Dessau mit Alfred Freiberg der erste NSDAP-Ministerpräsident im Deutschen Reich gewählt – noch vor Hitlers Machtübernahme auf Reichsebene. Innerhalb weniger Tage begann Freiberg das Dessauer Friedrich-Theater „auf Linie zu bringen“: Der Spielplan sollte im Geist nationalsozialistischer Weltanschauung neu gestaltet werden, jüdische Künstler wurden ausgeschlossen.

Das Bauhaus traf es am härtesten. Die NSDAP hatte im Wahlkampf die sofortige Streichung aller Mittel gefordert – und setzte dies zum 1. Oktober 1932 um. Ideologisches Fundament lieferte der Architekt Paul Schultze-Naumburg mit seinem Konzept der „entarteten Kunst“ und der These, Flachdächer seien „undeutsch“.

Heute sind dieselben Flachdächer Wahrzeichen der Stadt und Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Bauhausdirektorin Steiner betont: „Wir sind jederzeit bereit, kritisch über das Bauhauserbe zu diskutieren. Es wird problematisch, wenn deutlich wird, dass es gar nicht darum geht, sondern darum, Feindbilder zu bestärken.“

Stimmen aus der Kulturszene: Zwischen Widerstand und Resignation

Kabarettist Dieter Hallerforden, Ehrenbürger von Dessau, hat mit 90 Jahren noch einmal den Wahlkampf betreten. In seiner ehemaligen Heimatstadt warnt er vor einer AfD-Regierung, die Kunst zum „Handwerkzeug für ihre Zwecke“ machen würde. Für seinen Einsatz erntet er Drohungen: „Ab dem 6. September kannst du deinen Laden hier zumachen“, berichten ihm AfD-Sympathisanten.

Hallerforden selbst schätzt seinen direkten Einfluss realistisch ein: AfD-Wähler werde er kaum umstimmen. Erreichbar seien allenfalls jene, die aus Frustration und ohne genaue Kenntnis des Programms ihre Stimme abgeben. Die Hengstmann-Brüder, Kabarettisten aus Magdeburg, berichten vom selben Phänomen auf der Bühne: Sobald die AfD im Programm vorkommt, kriecht spürbare Kälte in den Saal. Inhaltliche Auseinandersetzung greife kaum, weil viele AfD-Wähler die Partei nicht für etwas, sondern gegen anderes wählten.

Musiker und Podcaster Stefan Michme, der aus Überzeugung in Magdeburg geblieben ist, bringt die Stimmung auf den Punkt: „Es macht einem schon Angst. Angst auch vor der Schere im Kopf – lieber mal aufpassen, was man so sagt.“

Die Kaulitz-Brüder Bill und Tom, Weltstars aus dem kleinen Dorf Loitsche bei Magdeburg, verließen Sachsen-Anhalt einst wegen extremer Ausgrenzung und offenem Hass. Ihr Weg zeigt: Kreative Vielfalt entsteht oft trotz – nicht wegen – enger kultureller Grenzen. Was Sachsen-Anhalt nach der Wahl mit seinem kulturellen Erbe macht, wird weit über die Landesgrenzen hinaus Folgen haben.

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