AfD und kulturelle Hegemonie im Osten Deutschlands

Dieses Video wurde am 04.09.2026 von ZDFheute Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.

Wie konnte die AfD in weiten Teilen Ostdeutschlands zur dominierenden politischen Kraft aufsteigen – nicht allein durch Wahlergebnisse, sondern durch eine tiefe Verankerung im gesellschaftlichen Alltag? Markus Lanz und der Philosoph Richard David Precht analysieren in ihrer Podcastreihe den Begriff der kulturellen Hegemonie und zeigen, wie die Partei Strategien des marxistischen Theoretikers Antonio Gramsci offenbar gezielt nutzt, um Herzen vor Köpfen zu gewinnen. Ausgangspunkt ist eine Reise nach Köthen in Sachsen-Anhalt – eine Stadt, die den demografischen Wandel Ostdeutschlands wie unter dem Brennglas sichtbar macht.

Köthen als Spiegel des demografischen Wandels

Köthen hatte in den 1940er-Jahren knapp 50.000 Einwohner – heute sind es noch rund 23.000. Die Stadt wirkt äußerlich gepflegt, viele Häuser wurden renoviert. Doch auf den Straßen fehlen Menschen, vor allem Kinder. Dieses Bild steht sinnbildlich für die demografische Krise Sachsen-Anhalts.

Das Bundesland ist mit einem Durchschnittsalter von etwa 48,3 Jahren die älteste Region Deutschlands. Rund 30 Prozent der Bevölkerung sind über 65. Auf zwei Sterbefälle kommt statistisch nicht einmal eine Geburt. Ohne Zuwanderung könnte die Einwohnerzahl von heute rund 2,1 Millionen bis 2035 um ein Sechstel und bis 2040 um ein weiteres Fünftel sinken.

Diese Zahlen hinterlassen Spuren im Gefühlsleben der Menschen. Die Melancholie des Ostens, wie Precht es nennt, ist nicht Nostalgie, sondern Ausdruck realer struktureller Probleme: fehlende Arbeitsplätze, abgewanderte Generationen, kaum Perspektiven für junge Familien.

Kulturelle Hegemonie: Was Gramsci mit der AfD zu tun hat

Der Begriff der kulturellen Hegemonie stammt vom italienischen Marxisten Antonio Gramsci (1891–1937). Gramsci fragte sich, warum bettelarme Landarbeiter und Fabrikarbeiter in Italien sich nicht für kommunistische Ideen begeisterten, obwohl der Marxismus doch ihre Interessen vertrat. Seine Antwort: Weil Marx glaubte, allein die Ökonomie bestimme das Bewusstsein – doch der Mensch wird auch durch Kultur, Emotion und Gemeinschaft geformt.

Gramsci entwickelte daraus das Konzept der organischen Intellektuellen: Menschen, die nicht im Elfenbeinturm sitzen, sondern in der Gesellschaft vermitteln, die Sprache der einfachen Leute sprechen und Gemeinschaft stiften. Sein Kernsatz lautet: „Bevor man herrschend wird, muss man führend werden.“

  • Führend wird man durch Emotionen, nicht durch rationale Argumente allein.
  • Gemeinschaft entsteht an konkreten Orten – beim Volksfest, am Bierstand, im Dorf.
  • Wer die Alltagskultur prägt, gewinnt langfristig politischen Einfluss.
  • Soziale Medien sind das moderne Äquivalent zum Buchdruck der Reformation.

Vordenker der neuen Rechten wie Götz Kubitschek und Martin Sellner bekennen sich explizit zu Gramsci. Sellners Satz „Wir sind alle rechte Gramsciani“ verdeutlicht, wie bewusst diese Strategie verfolgt wird.

AfD vor Ort: Nähe als politisches Instrument

Der Journalist Olaf Sundermeier beschreibt in seinem Buch Blaues Land einen bezeichnenden Kontrast: Die SPD veranstaltet in Brandenburg einen Bürgerdialog in einem pompösen Theatersaal mit 450 Plätzen – es kommen knapp 90 Personen, viele davon aus Politik und Verwaltung. Drei Wochen zuvor hatte die AfD ihren Dialog vor demselben Kulturhaus abgehalten: Bierbänke, Schulter an Schulter, rund 100 Menschen – ungezwungen und nahbar.

Dieselbe Idee, völlig unterschiedliche Wirkung. Die AfD schafft Gemeinschaft genau dort, wo Menschen sich vergessen fühlen. Sie organisiert Volksfeste, bietet Grillwürste an und spricht eine Sprache, die als authentisch wahrgenommen wird. Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, gilt als Paradebeispiel dieser „Ich bin einer von euch“-Kommunikation.

Rechte Influencer auf Social-Media-Plattformen verstärken diesen Effekt. Keine andere Partei ist dort so präsent wie die AfD. Besonders junge Männer, die von etablierten Parteien kaum angesprochen wurden, werden über diesen Kanal erreicht – oft ohne explizite politische Botschaft, sondern über Stil, Zugehörigkeit und Coolness-Faktor.

Die Mitte als Verteidigerin des Status quo

Precht richtet einen zentralen Vorwurf an die demokratische Mitte: Sie identifiziere sich nicht nur mit der liberalen Demokratie als Prinzip, sondern mit dem gegenwärtigen Zustand des Systems – inklusive seiner Dysfunktionen. Wer Veränderung fordert, wird reflexartig als Feind der Demokratie etikettiert.

Damit treibt die Mitte all jene, die den Status quo zu Recht kritisieren, an den politischen Rand. Die AfD hat dieses Vakuum frühzeitig erkannt und besetzt. Rationale Gegenargumente – etwa dass AfD-Haushaltspläne massiv unterfinanziert sind – verfehlen ihre Wirkung, weil sie implizit sagen: Es kann sich ohnehin nichts ändern.

Dabei wäre gerade in Sachsen-Anhalt eine ehrliche Debatte über Zuwanderung dringend nötig: Bereits heute haben mehr als 18 Prozent der Ärzte keinen deutschen Pass; in Krankenhäusern gilt das für jeden vierten Arzt. Ohne ausländische Pflegekräfte und Mediziner wäre die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum nicht aufrechtzuerhalten. An dieser demografischen Realität kommt auch die AfD nicht vorbei – egal wie stark ihr kultureller Einfluss wächst.

Die Analyse von Lanz und Precht zeigt: Der Aufstieg der AfD ist kein Betriebsunfall, sondern das Ergebnis einer langfristigen, bewussten Strategie zur Gewinnung kultureller Hegemonie – kombiniert mit realen sozialen Verwerfungen, die von der politischen Mitte zu lange ignoriert wurden. Ob und wie demokratische Kräfte dieses Terrain zurückgewinnen können, bleibt die entscheidende politische Frage der kommenden Jahre.

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