AfD-Alleinregierung in Sachsen-Anhalt: Was droht?

Dieses Video wurde am 14.08.2026 von ZDFheute Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.

In Sachsen-Anhalt könnte am 6. September erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine Partei die absolute Mehrheit im Landtag erringen, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Die AfD liegt in aktuellen Umfragen bei rund 41 bis 42 Prozent, die CDU als stärkste Konkurrentin kommt auf 22 bis 24 Prozent. Was eine AfD-Alleinregierung konkret bedeuten würde – für das Land, den Bund und die gesellschaftliche Stimmung – beleuchten der Content Creator Alexander Prinz sowie der Politikwissenschaftler Professor Marcel Lewandowski von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Wie die AfD die absolute Mehrheit erreichen könnte

Entscheidend ist nicht allein das Abschneiden der AfD, sondern wie viele kleinere Parteien die Fünf-Prozent-Hürde überspringen. Scheitern SPD, Grüne oder andere Parteien daran, fließen ihre Stimmen nicht in die Sitzverteilung ein. Die AfD könnte so bereits mit deutlich unter 50 Prozent der abgegebenen Stimmen die Mehrheit der Parlamentssitze gewinnen.

Lewandowski zufolge könnte es den Grünen und der SPD jedoch knapp gelingen, ins Parlament einzuziehen – was eine Alleinregierung der AfD verhindern würde. Gleichzeitig birgt die kursierenden Kampagne zum taktischen Wählen Risiken: Wer Stimmen an Parteien gibt, die weit von der Fünf-Prozent-Marke entfernt sind, kann unbeabsichtigt zur Stärkung der AfD-Mandatsmehrheit beitragen.

Folgen für Bildung, Kultur und Verwaltung

Das AfD-Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt enthält mehrere Punkte, die laut Alexander Prinz ernsthafte Konsequenzen hätten. Besonders im Bereich Bildungspolitik sieht er tiefgreifende Einschnitte:

  • Abschaffung der Schulpflicht zugunsten von Heimunterricht
  • Rückabwicklung der schulischen Inklusion – Prinz spricht von einer drohenden Zweiklassengesellschaft im Bildungswesen
  • Austritt aus dem Bologna-Prozess und Einführung eigener Hochschulabschlüsse

Schon vor der Wahl seien die Auswirkungen spürbar: Lehrerinnen und Lehrer stünden unter Druck, Förderprogramme würden überdacht, und öffentliche Hetzkampagnen im Netz zwängen Pädagogen, ihren Unterricht zu überdenken. Sollte das Bildungsministerium in AfD-Hand fallen, könnten laut Prinz dienstrechtliche Konsequenzen für kritische Lehrkräfte folgen.

AfD im Bundesrat: Zünglein an der Waage

Eine AfD-geführte Landesregierung würde automatisch im Bundesrat vertreten sein. Bundesgesetze könnte sie nicht im Alleingang blockieren, doch bei knappen Mehrheitsverhältnissen wäre sie als Zünglein an der Waage relevant. Lewandowski betont, dass vor allem bei Beschlüssen mit Zweidrittelmehrheit – etwa Verfassungsänderungen – der Spielraum der AfD begrenzt bliebe.

Brisanter ist die Beteiligung an Bund-Länder-Gremien wie der Innenministerkonferenz. Dort fließen sicherheitspolitisch sensible Informationen. Da die AfD in ihrer außenpolitischen Ausrichtung als Russland-nah gilt, wäre ein Abfluss vertraulicher Informationen in diesem Kontext ein ernstzunehmendes Risiko – auch wenn sich dies im Vorfeld nicht konkret verhindern lässt.

Warum so viele Menschen die AfD wählen

Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt die AfD in allen fünf ostdeutschen Bundesländern die meisten Stimmen – im Schnitt doppelt so viele wie im Westen. Besonders stark ist sie bei den 35- bis 59-Jährigen, die sich mit Abstiegs- und Zukunftsängsten konfrontiert sehen. Auffällig ist zudem der sogenannte Modern Gender Gap: Junge Männer unter 25 Jahren wählen überdurchschnittlich häufig die AfD, junge Frauen derselben Altersgruppe hingegen deutlich häufiger linke Parteien.

Alexander Prinz erklärt das AfD-Erstarken im Osten unter anderem mit Revanchismus und dem Wunsch, nach Jahrzehnten wirtschaftlicher Unsicherheit „es jemandem zu beweisen“. Viele Wählerinnen und Wähler hätten nacheinander Linke, CDU und SPD ausprobiert – ohne das Gefühl, gehört zu werden. Die AfD profitiert davon, sich noch nie in einer Regierung bewähren zu müssen.

Lewandowski ergänzt eine strukturelle Dimension: Ein beträchtlicher Teil der AfD-Wählerschaft glaube schlicht nicht mehr, in einer funktionierenden Demokratie zu leben – und sehe die AfD paradoxerweise als einzige Kraft, die die Demokratie „wiederherstellen“ könne. Dieses Selbstbild erkläre, warum sachliche Gegenargumente, etwa zu ökonomischen Risiken, kaum verfangen.

Strukturschwache Regionen – ein gesamtdeutsches Problem

Sowohl Prinz als auch Lewandowski betonen, dass hinter dem AfD-Erfolg kein rein ostdeutsches Phänomen steckt. Abwanderung, Vereinsamung und fehlende wirtschaftliche Perspektiven prägen ebenso Regionen in NRW, dem Saarland oder dem Sauerland. Die geringere Krisenresilienz im Osten – bedingt durch niedrigere Vermögen und weniger Erbschaften – beschleunige dort lediglich Entwicklungen, die im Westen zeitversetzt einsetzen.

Prinz plädiert dafür, den Blick auf strukturschwache ländliche Räume gesamtdeutsch zu weiten, statt das Problem allein als ostdeutsch zu etikettieren. Was fehle, sei weniger sanierter Stadtraum als gelebte Gemeinschaft: lokaler Einzelhandel, Ärzte vor Ort, kulturelle Angebote – und das Gefühl, gemeinsam etwas zu gestalten. Wie die Landtagswahl am 6. September ausgeht und welche politischen Konsequenzen sie nach sich zieht, wird weit über Sachsen-Anhalt hinaus aufmerksam verfolgt werden.

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