Dieses Video wurde am 19.08.2026 von tagesschau auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Jamal Musiala erlitt innerhalb weniger Stunden zweimal einen epileptischen Anfall auf dem Fußballplatz. Die Diagnose: Absencen-Epilepsie – eine Form der Epilepsie, die weniger spektakulär wirkt als klassische Krampfanfälle, aber ebenso ernst genommen werden muss. Christoph Kleinschnitz, Neurologe an der Uniklinik Essen, erklärt, wie diese Erkrankung funktioniert, was sie auslöst und warum sie einer Profikarriere nicht zwingend im Wege steht.
Was passiert im Gehirn bei einer Absence?
Bei einer Absence wird das Bewusstsein vorübergehend verändert, ohne dass die betroffene Person vollständig bewusstlos wird. Typische Anzeichen sind ein plötzliches Innehalten, ein starrer Blick nach vorne sowie Desorientierung und Verwirrung für wenige Sekunden.
Ausgelöst wird das Phänomen durch überaktive Nervenzellen im Gehirn, die gleichzeitig an Stellen feuern, an denen sie eigentlich nicht aktiv sein sollten. Diese unkontrollierte elektrische Entladung verursacht den charakteristischen neurologischen Ausfall.
Absencen unterscheiden sich deutlich von den sogenannten tonisch-klonischen Anfällen, bei denen Betroffene minutenlang bewusstlos sind, krampfen und zucken. Absencen verlaufen wesentlich subtiler – nach wenigen Sekunden sind die Betroffenen in der Regel wieder vollständig orientiert.
Ursachen und Auslöser der Absencen-Epilepsie
Die Absencen-Epilepsie hat nach aktuellem Forschungsstand einen hohen genetischen Anteil. Experten sprechen von einem polygenetischen Geschehen: Viele Gene, die die Funktion von Nervenzellen steuern, sind an der Entstehung beteiligt.
Daneben gibt es sogenannte externe Triggerfaktoren, die einen Anfall begünstigen können:
- Dehydration und erhöhte Körpertemperatur
- Schlafmangel und ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus
- Alkohol- und Drogenkonsum
- Anhaltender psychischer oder körperlicher Stress
Einen direkten Zusammenhang zwischen sportlicher Höchstleistung und dem Auftreten von Absencen herzustellen, sei jedoch zu vereinfacht gedacht, so Kleinschnitz. Bei einem trainierten Profisportler wie Musiala seien Dehydration oder kardiovaskuläre Überlastung als alleinige Ursache wenig wahrscheinlich. Zudem ereigneten sich die Anfälle in einer frühen Spielphase, als die körperliche Beanspruchung noch vergleichsweise gering war.
Hochleistungssport trotz Epilepsie: Ist das möglich?
Sport und Epilepsie schließen sich grundsätzlich nicht aus – das gilt auch für den Spitzensport. Mehrere Profisportlerinnen und -sportler haben offen über ihre Epilepsie gesprochen: darunter Spieler der National Football League, Eishockeyprofis und sogar Olympiamedaillengewinnerinnen und -gewinner.
Entscheidend ist laut Kleinschnitz eine konsequente antiepileptische Behandlung. Langzeitstudien zeigen, dass sich bei Absencen-Epilepsie fast 80 Prozent der Betroffenen anfallsfrei behandeln lassen – eine ausgesprochen positive Prognose. Voraussetzung ist:
- Eine präzise Diagnose und regelmäßige neurologische Kontrolle
- Die konsequente und langfristige Einnahme von Medikamenten
- Ein geregelter Tagesablauf mit ausreichend Schlaf
- Das Meiden bekannter Triggerfaktoren
Die Behandlung erfordert Disziplin: Manchmal müssen verschiedene Medikamente ausprobiert und über viele Jahre eingenommen werden. Doch gerade die Absencen-Epilepsie gilt als eine der medikamentös gut beherrschbaren Formen der Erkrankung.
Alltag mit Absencen: Was ist erlaubt, was nicht?
Neben dem Sport wirft die Diagnose auch Fragen für den Alltag auf. Besonders das Führen eines Kraftfahrzeugs kann vorübergehend eingeschränkt oder untersagt werden – abhängig von der Anfallshäufigkeit sowie den Befunden im MRT und EEG. Für Berufskraftfahrer kann die Erkrankung im schlimmsten Fall einem Berufsverbot gleichkommen.
Allerdings gilt: Weil Absencen in der Regel nicht mit schweren Verkrampfungen einhergehen und die Betroffenen sehr rasch wieder reorientiert sind, ist das allgemeine Unfallrisiko geringer als bei anderen Epilepsieformen. Die schnelle Erholung nach dem Anfall – wie auch im Fall Musialas zu beobachten – ist ein charakteristisches Merkmal dieser Erkrankung.
Für Jamal Musiala bedeutet die Diagnose eine Herausforderung, aber kein Ende der Karriere. Mit der richtigen medizinischen Begleitung, einem strukturierten Alltag und einer angepassten Behandlung stehen die Chancen gut, dass der Fußballprofi wieder anfallsfrei auf dem Platz stehen kann.
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