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Am 13. August 2026 jährt sich der Mauerbau zum 65. Mal. Während Gedenkveranstaltungen an die Opfer der innerdeutschen Grenze erinnern, wächst in Teilen der Gesellschaft eine Nostalgie gegenüber der DDR. Der Historiker und Buchautor Ilko-Sascha Kowalczuk, der 1967 in Ostberlin geboren wurde, ordnet im Interview ein, was dieses Datum heute bedeutet – und warum die Verharmlosung der SED-Diktatur gefährlich ist.
Die Mauer als Käfig: Was der Mauerbau für Millionen bedeutete
Für Kowalczuk war die Mauer nicht einfach ein Bauwerk, sondern eine allgegenwärtige Realität. Als Kind habe er nicht sofort begriffen, auf welcher Seite er lebte. Der Bewusstseinswandel kam mit zwölf Jahren, ausgelöst durch ein Lied von Udo Lindenberg mit dem Vers „Käfige sind zum Ausbrechen da“.
„Die Mauer war nicht nur ein Bauwerk, sie war etwas, was das ganze Leben teilte – in Freiheit und Unfreiheit“, sagt Kowalczuk. Sie war in jedem Schulbuch, in jeder Zeitung, im gesamten Alltag präsent – egal ob man in Berlin, an der Küste oder im Erzgebirge lebte.
Die Dimensionen des Grenzregimes waren enorm:
- Die Berliner Mauer forderte mindestens 140 Todesopfer
- Die innerdeutsche Grenze erstreckte sich von der Ostsee bis zur tschechischen Grenze
- An der Gesamtgrenze starben über 1.000 Menschen
Wiedervereinigung als Erfolgsgeschichte – gegen den Zeitgeist
Kowalczuk bekennt sich zu einer Position, die er selbst als Minderheitenmeinung bezeichnet: Die deutsche Wiedervereinigung sei eine „große Erfolgsgeschichte“ – und zwar bis heute. Eine Mauer zwischen Ost und West existiere nicht mehr.
„Wenn man Bilder aus einigen Regionen Nordrhein-Westfalens mit Bildern aus Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt vergleichen würde – die meisten würden nicht mehr unterscheiden können, was Ost und was West ist“, argumentiert der Historiker.
Er räumt jedoch ein, dass soziale Ungleichheit – zwischen Arm und Reich, zwischen bildungsfernen und hochgebildeten Schichten, zwischen Stadt und Land – real und politisch dringend zu adressieren sei. Diese Mauern existierten allerdings in jeder modernen Gesellschaft.
DDR-Nostalgie und der widersprüchliche Umgang der AfD
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte am Jahrestag vor einer Verharmlosung der DDR gewarnt – von rechts außen wie von links außen. Kowalczuk teilt diese Einschätzung ausdrücklich. Es sei „kaum zu fassen“, wie die SED-Diktatur heute in Teilen Ostdeutschlands verniedlicht oder gar als Alternative zur Demokratie dargestellt werde.
Dabei agiere die AfD widersprüchlich: Einerseits bedient sie DDR-Nostalgie, singt Parteifunktionäre bei der DDR-Hymne mit. Andererseits vereinnahmt sie den Geist der Friedlichen Revolution von 1989 für sich und ruft zu einer „Wende 2.0″ auf. Für Kowalczuk ist dieser Widerspruch kein Versehen:
„Man kann die AfD nicht rational erklären – und schon gar nicht, warum ihr so viele Menschen hinterherlaufen.“
Zur starken AfD-Präsenz im Osten – bei der letzten Bundestagswahl holte die Partei dort fast alle Direktwahlkreise – ergänzt Kowalczuk: Die AfD sei kein rein ostdeutsches Phänomen. In Baden-Württemberg wählte zuletzt fast jeder fünfte Wähler die Partei, ähnliche Tendenzen gibt es in Hessen und Bayern. Der entscheidende Unterschied: Im Westen werde die AfD von den demokratischen Parteien noch eingehegt, mit rund 80 Prozent dagegen. Im Osten hingegen habe sie die gesellschaftliche Mitte erreicht – gemeinsam mit dem BSW und Teilen der Linkspartei teile sie eine kremlaffine Haltung, die Kowalczuk durch zwei Merkmale definiert: Ablehnung des liberalen Verfassungsstaates und Sehnsucht nach autoritären Strukturen.
Was jeder Einzelne tun kann
Auf die Frage, was Bürgerinnen und Bürger konkret tun können, gibt Kowalczuk eine unerwartete, aber präzise Antwort: gute Laune und positive Narrative über die eigene Gesellschaft.
„Wir leben in einem Land, das politisch stabil ist, wirtschaftlich zu den stärksten der Welt gehört und zu den sozialsten der Welt zählt. Nicht einmal fünf Prozent der Menschheit lebt so wie wir hier in Deutschland“, betont er.
Das bedeute nicht, Probleme zu ignorieren. Aber wer offen und mit Überzeugung über die Stärken der Demokratie spreche, entziehe Extremisten wirksam den Nährboden. 65 Jahre nach dem Mauerbau, dessen Opfer für Freiheit gestorben sind, sei das nicht nur eine Haltungsfrage – sondern eine politische Notwendigkeit.
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